Die Angst bekämpfen?

„Wer die Angst bekämpfen will, muss Sicherheit geben“ – das sagte gestern ein deutscher Politiker. Ich frage mich: Wie soll das gehen? Wie könnte man Angst bekämpfen? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?

Angst zu bekämpfen kann doch nur heißen, Angst zu unterdrücken oder zu verdrängen. Was nunmal nicht funktioniert, wie jeder aus Erfahrung weiß. Vor allem funktioniert es nicht, wenn man versucht, die Angst bei anderen zu bekämpfen. Man kann versuchen, ihnen die Angst zu nehmen, indem man sie davon überzeugt, dass sie unbegründet ist. So wie man ein Kind davon überzeugt, dass seine Angst vor dem bösen Gespenst unbegründet ist, weil es kein solches Gespenst gibt. Doch selbst hier muss das Kind am Ende selbst die Einsicht haben, dass die Angst unbegründet ist.

Jesus sagt im Kurs zu uns, dass er uns nicht unsere Angst nehmen kann. Wir müssen uns selbst gegen die Angst entscheiden. Dabei kann er uns helfen, aber die Entscheidung müssen wir selbst treffen. Doch wie geht das, sich gegen die Angst (und für die Liebe bzw. den Frieden) zu entscheiden? Das klingt so einfach, als müsste man sich nur zwischen grün und blau entscheiden. In meiner Erfahrung geht das nur, wenn ich mir zunächst meine Angst ganz offen und unverblümt anschaue. Also eben nicht unterdrücke oder verdränge. Es geht nicht darum, meine Angst schönzureden, weil es möglicherweise meinem Selbstbild widerspricht. Klar, wer will schon gern als „ängstlich“ gelten? Aber gerade dieses Selbstbild gilt es ja auch anzusehen. Die anderen darf ich dabei ruhig ausblenden, denn was ich glaube, was sie in mir sehen, ist eben nur das: Mein Glaube bzw. meine Vorstellung und Projektion.

Also schaue ich mich und meine Ängste offen an. Ich beschönige nichts, aber verurteile auch nichts. Ich darf sanft und wohlwollend mit mir selbst sein. In diesem Moment bin ich, was ich bin. Ich muss kein anderer sein. Ich muss auch nichts erklären und analysieren. Warum bin ich so, wie ich bin? Warum genau diese Ängste? Diese Fragen sind nachvollziehbar, doch können sie eine Falle sein.

Wenn ich versuche, die Ursache für meine Ängste zu finden, dann lande ich höchstwahrscheinlich irgendwann bei meinen Eltern. Oder auch meinem Partner oder Ex-Partnern. Vielleicht auch bei der „Gesellschaft“, der „Politik“, dem „Schicksal“ oder „Gott“. Es gibt wohl keinen unter uns, der nicht irgendetwas in seiner Kindheit fände, das ihn scheinbar geprägt, im schlimmsten Fall sogar psychisch geschädigt hat.

Diese Gedanken kommen unweigerlich auf, aber es ist wieder meine Entscheidung, wie ich sie nutze. Leider nutzen wir sie meist so, dass wir die Ursache für unsere Ängste (und alle psychischen Probleme) im Außen suchen, also z.B. in den Eltern. Wenn wir die Ursache im Außen sehen, heißt das, dass wir Schuld im Außen sehen, also Schuld zuweisen. Und damit projizieren wir Schuld nach Außen, auf andere. Gleichzeitig setzen wir das „Gesicht der Unschuld“ auf und rechtfertigen unsere Ängste: „Kein Wunder, dass ich so bin – bei allem, was mir angetan wurde“. Auf diese Weise aber kommen wir nicht aus dem Teufelskreis von Schuld und Angst heraus.

Ich kann aber diese Gedanken auch nutzen, indem ich auch sie nur einfach anschaue, ohne mich selbst dafür zu verurteilen. Vielleicht helfen sie mir dann sogar, mich etwas wohlwollender anzuschauen. Dann hätte ich sie positiv genutzt. Eine Zeitlang war es für mich hilfreich, Zusammenhänge zwischen meiner Vergangenheit und meiner Gegenwart zu erkennen. Ich verstand mich besser, verurteilte mich weniger. Aber irgendwann kam ich an einen Punkt, wo ich nicht weiterkam. Ich verstand, dass ich immer noch Schuld im Außen sah, weil ich eben Ursachen im Außen, sogar in einem vergangenen Außen, zu sehen glaubte. Auch wenn ich glaubte, vergeben zu haben, sah ich die Ursache für meine Ängste in anderen Personen aus einer erinnerten bzw. vorgestellten Vergangenheit. Und das ist bestenfalls nur „falsche Vergebung“.

Nein, ich muss meine Ängste hier und jetzt sanft und offen anschauen. Ich kann Jesus oder den Heiligen Geist einladen, mir ihre Sicht zu schenken, das heißt, ich sehe – symbolisch gesprochen – mit ihren Augen auf meine Ängste. Dann kann ich sehen, dass die Ängste bloße Ideen in meinem Geist sind. Dass sie von etwas im Außen verursacht werden, ist reine Illusion. Sie – also diese Gedanken – entstehen in mir, also sind sie von mir. Ich selbst bin ihre Ursache. Je deutlicher mir das wird, desto bedeutungsloser werden diese Gedanken, sie verlieren ihre Kraft und ihre Wirklichkeit, denn jetzt kann ich mich wirklich gegen sie entscheiden.

Sich gegen die Angst zu entscheiden, heißt also bloß die Ursache für die Angst im eigenen Geist zu erkennen und dann ihre Bedeutungslosigkeit und Unwirklichkeit zu erkennen. Die Angst zu unterdrücken, mag zu Mut führen, aber das ist „falscher Mut“. Der „wahre Mut“ entsteht aus der Erkenntnis und der Erfahrung, dass Angst bedeutungslos und unwirklich ist.

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