Spirituelle Schönfärberei

Vorgestern las ich wieder in „Die Botschaft von Ein Kurs in Wundern“ von Kenneth Wapnick* und fand eine sehr eindrückliche Stelle über spirituelle Schönfärberei. Für Beginner des Kurses mag es sehr ernüchternd wirken, wie Wapnick hier über die Welt spricht. Aber um wirklich zu erkennen, dass die Welt ein illusionärer Traum ist, müssen wir zuerst klar erkennen, wie grausam sie ist. Weil sie ja ursprünglich vom Ego-verhafteten Träumer-Geist gemacht wurde bzw. gemacht wird, in eben diesem Moment.

Natürlich sind wir aufgefordert, diese Welt mit anderen Augen zu sehen, mit den Augen der Liebe, des Friedens, des heiligen Geistes, aber das heißt nicht, sie als schön und friedlich und wunderbar darzustellen und zu bezeichnen. Nein, wir schauen mit den Augen der Liebe (also vergebend) auf diesen Ort des Schreckens.

Und was ist mit all den schönen Dingen in der Welt: Liebe zwischen Menschen, Kunst, Musik, Natur? Sie alle erscheinen uns als schön und wahr und wertvoll, doch auch sie sind vom Ego, denn sie sind vergänglich, fragil und unterschwellig mit Angst belegt. Und wir konsumieren sie, wir wollen sie in uns aufnehmen, wir können uns an ihnen nicht sattsehen. Nein, wir können uns nicht sattsehen (oder satthören oder sattfühlen), denn sie machen nicht satt. Sie befriedigen uns kurz und machen dann noch mehr Hunger. Und so hält uns das Ego weiter bei der Stange voller trostloser Hoffnungen und Erwartungen.

Die Welt an sich ist nicht schlecht, sie ist neutral. Weil sie an sich gar nicht existiert. Sie existiert nur im Geist, der sie projiziert und dann weiter deutet. Die Formen sind der Spiegel unseres Geisteszustandes, der einen kläglichen Ersatz für den Himmel schaffen wollte. Mit anderem Geist können wir aber auf unsere eigene Projektion schauen und alle weiteren Projektionen auf sie wieder zurücknehmen (ihr vergeben).

Dabei gehen wir sanft und gelassen vor, wir setzen uns nicht unter Druck. Wir lächeln darüber, wie sehr wir noch an der Welt hängen und wie sehr wir ihre vergänglichen Genüsse lieben. Aber vielleicht fangen wir damit an, nach und nach nicht mehr in sie zu investieren, Hoffnungen auf Sand zu bauen und falsche Erwartungen zu hegen. So erlösen wir diese Welt, was nichts anderes bedeutet, als unseren eigenen Geist zu erlösen.

„Unglücklicherweise haben viele Schüler von Ein Kurs in Wundern die Tendenz, die trostlose Absurdität dieser Welt zu verleugnen und sie unter den schönfärbenden Schleiern dessen, was sie „positive Spiritualität“ nennen, zu verbergen“. *

*“Die Botschaft von Ein Kurs in Wundern“ – Kenneth Wapnick, erschienen im Greuthof Verlag

2 Gedanken zu „Spirituelle Schönfärberei“

  1. Ja, lieber Tom, finde ich alles richtig.
    Und doch muss es einen Weg geben, wie die Botschaft des SELBST in diesen Traum kommt. Wenn es diesen Weg nicht geben würde, wäre die ganze Situation ja hoffnungslos.
    Deshalb bin ich nicht ganz davon überzeugt, dass dieser Traum ausschließlich das Ego widerspiegelt, das kann eigentlich nicht sein.
    Es erscheinen Lehrer in diesem Traum und lehren etwas, was über den Traum hinausgeht, was jenseits des Traumes liegt und kaum im Interesse des Ego sein kann.
    Dabei wird die Form genutzt, indem Körper, Bücher, Architektur (gotische Kirchen, die Pyramiden?) und vielleicht auch Kunst oder Musik als Träger der Botschaft dienen.
    Diese selbst haben alle Eigenschaften des Traums. Sie sind vergänglich, vorübergehend und nicht für jeden Geist eindeutig, aber sie sind da für diejenigen, die „Ohren haben zu hören und Augen, um zu sehen“.
    Und das bedeutet für mich, dass der Traum 2 Einflüsse enthält – den des Ego und den des HG.
    Wie immer scheint der HG das, was vergeben werden soll, als Mittel zur Vergebung zu nutzen, indem er es einem anderen Zweck zuführt.

    1. Lieber Thomas, ja, es sieht so aus, also ob in diesem Weltentraum auch die Botschaft des SELBST, des CHRISTUS in uns, steckt. Aber dennoch meine ich, dass die Botschaft des SELBST nur im Geist ist, als Heiliger Geist, nicht in den Formen. Ich bin auch in Versuchung zu sagen, dass der Kurs aus einer anderen Quelle kommt als andere Bücher. Aber was ist mit der Baghavad-Gita, was mit der Bibel? Kommen die aus dem Ego? Oder kommt das Alte Testament aus dem Ego (mit seinem Rächergott) und kommt das Neue Testament aus dem HG? Waren die Pyramiden nicht eher dazu da, das gigantische Ego des Pharao zu verehren? Ich kann da irgendwie keine klaren Grenzen sehen und ziehen. Machen wir damit nicht doch wieder eine Rangfolge der Illusionen auf? Ich will und kann nicht entscheiden, ob und bei welchen Formen der HG seine Hand im Spiel hatte. Ich weiß nur, dass ich sowohl auf Pyramiden oder die Bibel wie auch auf den Kurs mit dem Ego oder dem HG schauen kann.

      viele Grüße,
      Tom

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