Eine Meditation über die Zeit

Es gibt eine Reihe von philosophischen und spirituellen Lehren, darunter auch „Ein Kurs in Wundern“, die behaupten, dass es in Wahrheit keine Zeit gebe, dass Zeit eine Illusion des Geistes sei, und dass in Wahrheit allein die Gegenwart existiert – das ewige Jetzt. Das klingt poetisch schön, scheint aber weit entfernt zu sein von unseren ganz normalen täglichen Erfahrungen. Wie also lässt sich das wirklich erkennen und leben, ganz praktisch in dieser Welt?

Es ist und bleibt ein Balanceakt zwischen zwei Ebenen. Einerseits existiert für uns tatsächlich immer nur die Gegenwart, andererseits scheint sich die Zeit fast unendlich auszudehnen, in beide „Richtungen“, nach früher und nach später. Das könnte zwar man auf vielfältige Weise theoretisch hinterfragen, aber mir kommt es hier nur auf eine direkte Erfahrung an.

Ich setze mich bequem auf eine Couch, einen Stuhl oder ähnliches – wie zum Meditieren. Ich schließe die Augen und versuche, mich körperlich und geistig zu entspannen. Dann erinnere ich mich an den heutigen Morgen. Ich denke daran, wie ich vor zwei Stunden hier auf der Couch saß und noch etwas müde die erste Tasse Kaffee trank. Dies ist jetzt ein Bild in meinem Geist bzw. Bewusstsein.

Und dann denke ich an das vergangene Wochenende, als ich durch eine schöne Landschaft im Weimarer Land wanderte. Die Erinnerung ist noch ganz lebendig in mir, ich höre das Singen der Vögel, den Wind in den Bäumen, und rieche die feuchte Erde. Auch dies ist einfach jetzt ein Bild in meinem Geist.

Und jetzt denke ich daran, wie ich vor 8 Jahren meinen 50. Geburtstag feierte. Auch diese Erinnerung ist noch einigermaßen präsent, wenn auch die Konturen schon etwas verwischter sind. Und schließlich erinnere ich mich an meinen ersten Urlaub in Marokko, vor mehr als 30 Jahren. Diese Bilder sind bereits sehr verschwommen, die Erinnerungen sind nur noch vage und scheinen weit entfernt zu sein. Und doch sind sie einfach nur Bilder jetzt in meinem Geist.

Noch schemenhafter wird es, wenn ich versuche, an Szenen aus meiner Kindheit zu denken. Oft kann ich gar nicht sicher sagen, ob ich mich wirklich an eine Szene erinnere, nur eine Fotografie vor Augen habe oder vielleicht sogar von der Szene nur noch aus Erzählungen meiner Mutter weiß. Aber wie auch immer – auch dies sind wiederum einfach Bilder jetzt in meinem Geist.

Und nun kann ich all diese Bilder in eine chronologische Reihenfolge bringen. Ich fädele sie wie Perlen an einer Schnur (die sinnbildlich für lineare Zeit steht) auf. Dabei klebe ich ihnen gedanklich Etiketten auf, auf denen steht: „2 Stunden“, „2 Tage“, „8 Jahre“, „30 Jahre“ und „50 Jahre“.

Das Bemerkenswerte daran ist, dass die unterschiedlichen Bilder und Erinnerungen als solche keinerlei Altersunterschied aufweisen. Sie erscheinen hier und jetzt in meinem Geist und sind allesamt frisch und nagelneu. Auch wenn sie verschwommen und vage aussehen mögen, sind sie doch als solche in eben diesem Moment neu gedacht.

(Dass ich die Bilder in eine scheinbar chronologische Reihenfolge bringen kann, hat gewisse praktische Vorteile. Das hat vor allem mit unserem eingefleischten Glauben an Kausalität zu tun. Wir glauben, dass bestimmte Ereignisse Ursache für weitere Ereignisse sind. Letztere nennen wir Wirkungen, wobei diese Wirkungen selbst wiederum Ursache für weitere Wirkungen sind. Eine Ursache muss immer vor der Wirkung kommen, also älter sein, so glauben wir. Aber das interpretieren wir nur hinein. In Wahrheit sehen wir einfach nur eine Abfolge von Ereignissen, die immer nur jetzt geschehen. Was jetzt geschieht, ist im Grunde im selben Moment bereits vergangen und existiert nur noch als Erinnerung, und zwar wiederum nur – jetzt. )

Wenn ich mir also all diese unterschiedlichen Bilder, aus vermeintlich unterschiedlichen Zeiten, ansehe, wird klar, dass sie alle in diesem geistigen Raum, vor meinem geistigen Auge, erscheinen. Der geistige Raum ist nicht wahrnehmbar, denn der bin ich selbst. Ich sehe nur die Bilder, die ich darin projiziere bzw. erinnere oder mir vorstelle.

Dieser geistige Raum, dieses geistige „Ich“, ist selbst vollkommen zeitlos. Es existiert im zeitlosen Jetzt, oder besser: Es IST das zeitlose Jetzt. Dieser geistige Raum, diese bewusste Präsenz, ist immer gleich. Es ist exakt derselbe, egal zu welchem „Zeitpunkt“, er verändert sich nicht. Für ihn vergeht keine Zeit. Kann ich das jetzt in diesem Moment direkt sehen und fühlen?

Ja. Und zwar wenn ich mich auf das konzentriere, was mir jetzt direkt und unmittelbar gegeben ist. Hier kann ich sehen, dass Vergangenheit und Zukunft nicht da „draußen“ sind, nicht hinter mir oder vor mir liegen, sondern allein IN mir. Meine Erinnerung an die Vergangenheit IST die Vergangenheit. Jenseits der Erinnerung gibt es keine Vergangenheit, das kann ich nun immer deutlicher erkennen.

In diesem abstrakten Jetzt, also in mir, liegen alle Zeiten, alle vermeintlich vergangenen und bevorstehenden Jahrmilliarden. Dieser geistige Raum, diese Präsenz, also ich selbst, ist nicht nur zeitlos, sondern vollkommen ohne Merkmale und so kann sich gar nichts daran verändern und altern. Und das heißt auch, dass ich nicht vergänglich und nicht sterblich bin.

4 Gedanken zu „Eine Meditation über die Zeit“

  1. Genau. Auf das „Jetzt“ sich zu konzentrieren heißt, mich selbst zu erkennen. Nicht als Person mit ihren zeitgebundenen Eigenschaften sondern mir bewusst zu werden (gewahr zu werden), dass auch diese Person in einem zeitlosen Rahmen erscheint, der sich nie verändert hat.
    Das klingt abstract und muss abstract klingen, ist aber eine ganz konkrete Erfahrung. Ich spüre das auf, was sich nie verändert hat, trotzdem sich die Erfahrungen selbst immer verändert haben. Aber da war immer eine Konstante des Daseins, die normalerweise übersehen wird. In diesem Dasein spielt sich auch die Zeit ab, es würde sie nicht geben, wäre das Dasein nicht. Was ist also die Voraussetzung für was? Das Dasein ist die Voraussetzung für die Zeit und diese geht aus dem Dasein hervor. Dann verwickelt sich das Dasein in seine eigene Schöpfung und verliert das Gewahrsein seiner selbst – damit beginnt das ganze Elend.

    1. Ja, genauso ist es, Thomas! Wir können des sich nie verändernden Hintergrund gewahr werden. Das „Dasein“ steht für den träumenden/projizierenden Geist, nicht wahr? 🙂

  2. Ja, Dasein, Ich Bin, Bewusstsein – alles verschiedene Worte für das, was sich mit Worten nur andeuten lässt.
    Hier scheinen wir uns einig zu sein. Deshalb frage ich mich gerade, wo es in Facebook hakt. Das Bewusstsein ist der sich nie ändernde Hintergrund, diesen scheinst du jetzt mit dem ph. Raum gleichzusetzen? Du konntest aber hier zustimmen, dass sich die Zeit IN diesem Bewusstsein abspielt, es aber selbst nicht ist, oder?

    Nur der Vollständigkeit halber: Dieses Dasein, Bewusstsein ist nicht der Himmel, nicht das Absolute, aber die größte Annäherung an ihn. Hinter dem Bewusstsein steht als Quelle das Absolute.

    1. Lieber Thomas,

      mal schauen, vielleicht kann ich dir hier meine Ideen besser erklären.
      Du sagst: „Das Bewusstsein ist der sich nie ändernde Hintergrund, diesen scheinst du jetzt mit dem ph. Raum gleichzusetzen?“

      Ja, in der Tat. Das Bewusstsein ist ja nicht nur Hintergrund. Es hält sich nicht im Hintergrund, sondern umfasst, beinhaltet und durchdringt gleichermaßen alle Dinge. Es ist quasi ein leerer Raum (mit leeren Dingen darin). Wie sollte nun ein leerer Raum einen weiteren leeren (den vermeintlich physikalischen) Raum beinhalten? Leere ist Leere, davon kann es keine zwei geben. Das Wunderbare daran ist, dass wir Raum als solchen gar nicht wahrnehmen können. Wenn wir über einen Raum oder Räume reden, meinen wir eigentlich nur die scheinbaren Begrenzungen. Aber der Raum als solcher ist nicht wahrnehmbar. Klar, Bewusstsein ist als solches auch nicht wahrnehmbar. Dennoch können wir fühlen/erkennen, dass wir das sind. Wenn du in der Nacht einen Traum träumst, dann IST dieser Raum darin dein träumendes Bewusstsein. Oder sagen wir so: das Bewusstsein wird zum Raum, in dem Moment, in dem es Formen träumt. Einstein sagte mal, wenn die Körper aus dem Raum verschwänden, würde auch der Raum verschwinden. Klar, da wäre nichts mehr da, was von einem Raum sprechen könnte. Aber etwas, das nie da war – nämlich Leere – kann auch nicht verschwinden. Bewusstsein bzw. Geist kann nicht verschwinden, weil es nie konkret da war. Dennoch ist es paradoxerweise das Einzige, von dem man sagen kann, dass es existiert :-).
      Der Punkt ist aber, das auch selbst zu erkennen. Ich kann dir da empfehlen, die Experimente von Douglas zu machen. Wirklich zu machen, nicht nur sie zu lesen und zu überdenken. Dann kann man buchstäblich sehen, dass das Bewusstsein nicht im Kopf ist, sondern da draußen, eigentlich überall, vollkommen unbegrenzt. Und daher sehe ich Raum inzwischen als etwas vollkommen transzendentes.

      „Du konntest aber hier zustimmen, dass sich die Zeit IN diesem Bewusstsein abspielt, es aber selbst nicht ist, oder?“

      Die scheinbare Zeit spielt sich nur aufgrund der Erinnerung im Bewusstsein ab. Man kann darüber diskutieren, inwiefern das, was sich im Bewusstsein abspielt, dieses Bewusstsein IST. Da alle Dinge und Ideen, somit auch die Zeit, keine Eigenexistenz haben, können sie ihrer „Substanz“ nach nur Bewusstsein sein. Andererseits aber ist das Bewusstsein nicht auf Formen, auch nicht die Gesamtheit aller Formen, beschränkt. Es ist deren Quelle und geht über sie hinaus.

      viele Grüße,
      Tom

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