Leben mit zwei „Ebenen“

Das spritituelle Werk „Ein Kurs in Wundern“ bezieht sich auf zwei Ebenen – auf die absolute Ebene des Himmels und auf die relative Ebene der Welt. Die eine ist die abstrakte Ebene des Geistes, die andere die konkrete Ebene der Körper. Die eine entspricht der Wirklichkeit, die andere dem illusionären Weltentraum. Aus Sicht der Wirklichkeit existiert der Traum gar nicht und hat auch nie existiert. Aus Sicht des Weltentraums (der Welt) ist die Wirklichkeit (der Himmel) nicht wahrnehmbar. Nun heißt es immer wieder, dass man beide Ebenen nicht verwechseln solle. Wie aber soll man aber als Mensch im ganz alltäglichen Dasein mit beiden Ebenen leben, wie kann man etwas in Einklang bringen, das sich eigentlich ausschließt?

Die beiden Ebenen schließen sich insofern aus, als dass nur eine wahr und wirklich sein kann, und das ist natürlich der Himmel. Dennoch ist es so, dass wir nunmal glauben, eine Welt mitsamt dem eigenen und anderen Körpern wahrzunehmen. Das sollen wir auch keinesfalls leugnen, denn das wäre laut Kurs eine „besonders unwürdige Form der Verleugnung“. Wir müssen also ehrlich zu uns selbst sein und anerkennen, dass wir uns für reale Körper in einer real existierenden Welt in Raum und Zeit halten.

Nun heißt es im Kurs auch, dass man die Wahrheit nicht der Illusion, sondern die Illusion der Wahrheit überbringen soll. Was bedeutet das? Es bedeutet, dass wir die Wahrheit des Himmels nicht in unseren Weltentraum ziehen sollen. So macht es keinen Sinn, im alltäglichen Leben, das sich scheinbar innerhalb der Zeit abspielt, ständig darauf hinzuweisen, dass es doch „in Wahrheit“ keine Zeit gebe, oder dass die Welt an sich eine Illusion ist, die nie stattfand. Das wäre eine Verwechslung der Ebenen.

Wie aber überbringen wir die Illusion der Wahrheit? Indem wir diese Welt mit den Augen des „Heiligen Geistes“ betrachten, sie ihm also übergeben. Was nichts anderes heißt als die Welt mit dem heilen Teil unseres Geistes zu betrachten, mit dem Teil, der für Frieden, Stille, Liebe steht und der vollkommen frei von jedem Urteil ist. Dieser Teil unseres Geistes ist die „Brücke“ zum Himmel. Er sieht die Dinge, hält sie aber nicht für wahr und nicht für bedeutungsvoll, denn er sieht, dass sie eine reine Projektion sind, eben wie ein Traum. Sie sind nicht außerhalb des Geistes, der sie projiziert.

Dieser Heilige Geist in uns ist die Instanz, die beide Ebenen, die sich eigentlich ausschließen, näher bringt. Das Problem ist, dass sich das Ego, der wahnsinnige Teil unseres Geistes, immer einmischen will. Entweder will es die Wahrheit in die Illusion ziehen und damit relativieren und verwässern. Der sogenannte „Ego-Himmel“. Oder aber es tut ganz vernünftig und bescheiden und lässt uns weiter in der Welt verankert sein und verschiebt den Himmel in unerreichbare Ferne auf den Sankt-Nimmerleinstag. „Jaja, die Welt ist nur Illusion und es gibt keine Zeit, aber wir wollen doch auf dem Teppich bleiben und ganz normal unseren Alltag leben“ – so flüstert es uns ein und will damit nur die Illusion der Trennung aufrechterhalten.

Ja, wir sollten nicht die Wahrheit in die Illusion ziehen, aber wir sollten auch nicht vergessen, die Illusion der Wahrheit zu übergeben. Wir sollten im „Hinterkopf“ behalten, dass die Welt nur ein Traum ist, und zwar unser eigener Traum, und das nichts davon wahr oder von Bestand ist. Und wie kann man das praktisch im Alltag leben? Nur in aller Stille. Was nicht heißt, dass man ins Schweigekloster gehen soll. Nein, wir können es sogar im ärgsten Tumult in aller Stille leben. Wir müssen kein Wort darüber verlieren, wir leben und reden weiter ganz normal, aber lassen innerlich immer mehr los, lächeln über die Welt und vor allem über uns selbst als den Träumer-Geist dieses Weltentraums.

Wir werden immer wieder schwanken, mal in die eine Richtung, mal in die andere, aber die Richtung ist eindeutig, das gute Ende gewiss, und so gewinnen wir zunehmend an innerer Balance und Harmonie.

9 Gedanken zu „Leben mit zwei „Ebenen““

  1. Wunderbar, lieber Tom, so erlebe ich es auch in mir: Beide Ebenen sind scheinbar zugleich da, obwohl sie sich ausschließen. Der heile Geist in meinem Träumer-Geist ist die Brücke zwischen den Ebenen. Er ist der Friede in mir im Angesicht der Welt, durch den ich aus dem Traum erwache in Gott. Ich wende mich also weiterhin meinem Alltag und meinen Mitmenschen in der Welt zu, nur in einer anderen inneren Haltung. Diese wird durch den heilen Geist aus der absoluten Ebene genährt und bringt ein anderes Ursache-Wirkung-Verständnis mit sich (Ich bin als Träumer der Macher der Welt, ich bin nicht Körper, sondern Geist, alles findet in mir statt, ich reagiere entweder aus dem Ego oder aus dem Heiligen Geist, Gott ist nur formlose Liebe). Ich übe mich darin, mitten im Weltengeschehen mir der Zielrichtung auf die absoluten Ebene bewusst sein, sonst bin ich weiter an das Ego-Denken angebunden und nur darum bemüht, mich in der Welt wohliger einzurichten.

    Mein Ego-Denken will die Ebenen ganz klar getrennt halten. Es ist fixiert auf die scheinbare Realität der Welt und leugnet die Wahrheit Gottes, weil es weiß, dass es ihr nicht standhalten kann. Daher müssen diese beiden Ebenen scheinbar zusammengebracht werden, obwohl sie sich nicht begegnen können. Doch nur durch den Kontrast begreife ich, was wohin führt und was ich wirklich will. Der Kurs macht mir dafür beide Ebenen deutlich und bittet mich, genau hinzuschauen, damit ich die wirkliche Wahl erkenne und bereit dazu werde. Kann ich so schließlich das Ego in meinem Träumer-Geist ganz losgelassen, bleibt nur noch die Wahrheit und die Klarheit, dass nie etwas anderes war.

  2. Hallo Tom,
    das nenn ich sorgfältiges Denken, danke dafür! Du entfaltest Schritt für Schritt unsere Situation: da sind scheinbar zwei Ebenen, und auch wenn sie in jeder Hinsicht unvereinbar miteinander sind, sind wir doch aufgerufen, über die Brücke zu gehen in die eine Wahrheit, in der die Illsuionen einer weltlichen Ebene einfach nur neu gesehen und in Gedanken, die ihre wahre Quelle nie verlassen haben, sozusagen übersetzt werden. „Ja, wir sollten nicht die Wahrheit in die Illusion ziehen, aber wir sollten auch nicht vergessen, die Illusion der Wahrheit zu übergeben“, sagst du und das finde ich auch elementar! Das „Übergeben“ ist ein Mysterium, wir gestehen ein, dass nichts, was wir wahrnehmen, ohne IHN GANZ sein kann. Die Erfahrung, dass andererseits alles mit IHM GANZ IST, stellt sich nach diesem „bereitwillig“ gegebenen Eingeständnis sozusagen VON SELBST ein.
    Das Ganze führt zu einer anderen Ausrichtung des Geistes: „… inneren Haltung. Diese wird durch den heilen Geist aus der absoluten Ebene genährt“, wie Katja so schön sagt.

    Schön, das war nach langer Zeit mal wieder eine Gelegenheit, euch beiden zu begegnen und zu bemerken, dass Unterschiede in der Herangehensweise an den Kurs tatsächlich letztlich bedeutungslos sind. Der Kurs lacht sich eins: Es gibt nur Einen!

    Grüß euch herzlich
    Michael

    1. Lieber Michael,

      vielen Dank für deine netten Worte und hilfreichen Anmerkungen! Ja, letztlich sind wirklich alle Unterschiede bedeutungslos, und das ist sehr tröstlich 🙂

      liebe Grüße,
      Tom

  3. Lieber Tom,

    was heißt nun konkret, die Illusion der Wahrheit zu übergeben, wie „mache“ ich es und wie geschieht es?

    Du sagst:

    „Ja, wir sollten nicht die Wahrheit in die Illusion ziehen, aber wir sollten auch nicht vergessen, die Illusion der Wahrheit zu übergeben. Wir sollten im „Hinterkopf“ behalten, dass die Welt nur ein Traum ist, und zwar unser eigener Traum, und das nichts davon wahr oder von Bestand ist. Und wie kann man das praktisch im Alltag leben? Nur in aller Stille. Was nicht heißt, dass man ins Schweigekloster gehen soll. Nein, wir können es sogar im ärgsten Tumult in aller Stille leben. Wir müssen kein Wort darüber verlieren, wir leben und reden weiter ganz normal, aber lassen innerlich immer mehr los, lächeln über die Welt und vor allem über uns selbst als den Träumer-Geist dieses Weltentraums. “

    Für dich, so lese ich es, heißt das, im Hinterkopf zu behalten, dass die Welt Illusion ist. Ein gedanklicher Vorgang? Der nur in Stille geschehen kann?

    Ich erlebe das etwas anders. Ich kann in mir 2 Formen der Weltbeoabchtung unterscheiden, die ich die wache und die schlafende Form nennen kann. Während bei der wachen Form meine Aufmerksamkeit auf mich selbst gerichtet ist, zeichnet sich die schlafende Form dadurch aus, dass ich nur die Welt mit Aufmerksamkeit bedenke.
    Wir landen da automatisch wieder beim Beobachten, nur ist das kein denkendes Beobachten sondern ein Sehen des Sehenden. Das ist das, was Nisargadatta immer wieder zum Ausdruck bringt, dieses Empfinden, zu sein. Also nicht denkend sondern wissend, dass ich bin.
    Es sind diese 2 Zustände, zwischen denen wir uns entscheiden können. Im schlafenden Zustand bin ich für den HG unerreichbar, im wachen sehe ich die Welt durch seine Augen.
    Es ist also sehr einfach.

    Liebe Grüße

    T2

    1. Lieber Thomas,

      ich weißt jetzt nicht genau, wo du einen Unterschied zwischen unseren beiden Beschreibungen siehst….. Kannst du das nochmal vielleicht mit anderen Worten erklären?

      Beste Grüße,
      Tom

  4. Lieber Tom,

    vielleicht ist da auch kein Unterschied und ich glaube nur, einen zu sehen?
    Ich würde das, was da bei mir geschieht, nicht als eine gedankliche Ausrichtung beschreiben, obwohl es letzten Endes auf einen gedanklichen Anreiz zurückzuführen ist. Insofern nämlich, als ein Gedanke wie „Richte deine Aufmerksamkeit nach innen“ einmal als Idee zu mir kam und über Worte vermittelt wurde.

    Aus dem Gedanken wurde ein Interesse, aus dem Interesse eine Suche und aus der Suche ein Verstehen, was es bedeutet, sich nach innen zu wenden. Aber eben das ist kein Gedanke mehr wie „Jetzt richte ich mich nach innen aus“ sondern der Gebrauch der Aufmerksamkeit für das Erleben des „Innen“. Ich erlebe es immer als ein „Hoppla, da bin ja ich“, während sich ohne diese Ausrichtung alles auf die Wahrnehmung der Welt reduziert, in der der Wahrnehmende nicht vorhanden ist. Das ist der schlafende Zustand, geistige Leere.
    Ich reduziere daher die gesamte „Aufgabe“, etwas dem HG zu übergeben oder mit dem HG im Kontakt zu sein, auf die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf das Innen, das innere Licht.
    So verstehe ich die einzige verbleibende Entscheidungsmöglichkeit, Himmel oder Hölle zu wählen. Ego oder HG.

    LG von T2

    1. Lieber Thomas, ich sehe da im Prinzip auch keinen Unterschied. Es geht vielleicht nur um Definitionen. Das Phänomen der „Aufmerksamkeit“ ist ein ziemlich mysteriöses. Was ist das eigentlich? Es scheint ein geistiger Vorgang zu sein, und doch ist es kein konkreter Gedanke. Im Kurs ist das, was man unter „Gedanken“ versteht, weiter gefasst als wir es sonst so kennen. Wahrnehmung beruht laut Kurs auf Gedanken („Projektion erzeugt Wahrnehmung“). Aber welcher Art sind diese ersten, ursprünglichen Gedanken? Ist der erste Trennungsgedanke schon ein konkreter Gedanke? Eher nicht. Sind die „wahren Gedanken“, von denen der Kurs spricht, konkrete Gedanken? Auch nicht, es ist eher eine geistige Haltung, die nicht auf Trennung, sondern auf Einheit beruht. Soweit dazu meine „Gedanken“ ;-). Aber wie gesagt – ich sehe nicht wirklich einen Unterschied zu deiner Beschreibung.

      Viele Grüße,

      Tom

  5. Lieber Tom,

    “Das Phänomen der „Aufmerksamkeit“ ist ein ziemlich mysteriöses”

    Ja, für mich ist Aufmerksamkeit Wille oder eine Art Wille.Fur gewöhnlich wird Aufmerksamkeit als das zentrale Werkzeug angesehen, das darüber entscheidet, was du wählst. Und genau das scheint es mir in der Tat zu sein.Deine Aufmerksamkeit wird dort sein, wo du deinen Schatz siehst. Doch kannst du im Prinzip frei über Aufmerksamkeit verfügen und sie wie einen Suchscheinwerfer in deinem Geist benutzen.

    Der erste Trennungsgedanke….
    Nisargardatta nennt Iam das grundlegende Konzept, die Mutter aller Konzepte. Und doch, ja, ich würde das die Geburtsstunde des dualen Denkens nennen.Der erste Gedanke, der von einem Jemand gedacht wurde und nicht verworfen wurde. Das Konzept, zu sein. Es muss ein Ich geben, das ein solches Konzept für wahr hält und das war die Trennung, die Geburtsstunde der Dualität und von diesem ganzenrZirkus hier 🙂

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