Keiner ist besser – keiner ist schlechter!

Vor kurzem saß ich mit meiner Freundin in einem schönen Biergarten und wir blinzelten in die Juli-Sonne. Unser Gespräch streifte ganz entspannt dieses und jenes und kam dann auf das Thema Nazis. Ich äußerte meine Sorge, dass diese in Deutschland wieder an die Macht kommen könnten und wie schlimm ich das fände.

Meine Freundin meinte dazu, dass sie das nachvollziehen könne, dass ich jedoch, wenn ich die Nazis verurteile, im Grunde das gleiche mache wie sie – andere verurteilen. Wir urteilen alle über jeden und alles und insofern sei am Ende keiner von uns besser oder schlechter.

Das war mir als Kurs-Schüler theoretisch natürlich klar, aber ich merkte, wie in mir ein ganz starker Widerstand dagegen hochstieg. Ja, im Prinzip stimme das zwar, aber es gebe da ja doch große Unterschiede. Mein Urteilen über die Nazis lasse sich doch nicht mit deren Urteilen und gewaltsamem Vorgehen vergleichen. So dachte ich insgeheim und machte dadurch wieder eine Rangfolge der Illusionen auf. Als wäre das eine besser oder schlimmer als das andere. In der Welt erscheint es natürlich so, und die allermeisten würden dem zustimmen. Aber kann ich das als Kursschüler so sehen?

Etwa eine Stunde später saßen wir im Auto und plötzlich dachte ich, dass ja auch alle Nazis von mir – dem Träumergeist – geträumt/projiziert werden. So wie auch meine „eigene“ Person. Vielleicht war es zunächst einfach nur ein Gedanke, aber er sank sofort tiefer und in mir entspannte sich alles und ich fühlte keinen Widerstand mehr dagegen, dass sie und ich (als Person) absolut gleich sind und keiner von uns besser oder schlechter.

Das ist aus weltlicher Sicht, das heißt aus Sicht der Person kaum zu verstehen und zu akzeptieren, selbst wenn man alle möglichen psychologischen Erklärungen wie „schwere Kindheit“, „schlimme Erfahrungen“ usw. berücksichtigt. Aber als die Erinnerung an das, von dem ich ja überzeugt bin – nämlich Träumergeist zu sein – , in mir auftauchte, konnte ich mich quasi „über das Schlachtfeld“ erheben bzw. einen Schritt zurücktreten und ganz anders darauf schauen.

Da sah ich einen Tom, der sich über Nazis ärgert und Ängste hat, und ich sah die Nazis, die nach außen voller Gewalt agieren. Und beide Seiten waren einfach in mir selbst, von mir selbst projiziert, ein Spiegel meines tiefsten inneren geistigen Zustands, meines Selbsts. Ich konnte ihnen in dem Sinne vergeben, dass ich keine Schuld mehr auf diese meine eigenen Traumfiguren projizierte.

Aus der Sicht von oberhalb des Schlachtfeldes gibt es keine Schuld. Keine Täter und keine Opfer, auch wenn das innerhalb der Welt so völlig anders erscheint. Dieser plötzliche Perspektivwechsel, den ich da sehr subtil und unspektakulär und doch eindringlich erlebte, war für mich das, was der Kurs „Wunder“ nennt. Es ist für mich auch das, was „dem HEILIGEN GEIST übergeben“ genannt wird, denn nun sah ich mit anderen „Augen“ auf die Situation. Mit SEINEN Augen, die doch meine eigenen, wahren Augen sind.

Das Eigenartige ist nur, dass ich dieses so Wunderbare, so Offensichtliche und so Erlösende doch immer wieder vergesse. Nur kurze Zeit später kann mich das Ego wieder auf dem „falschen Fuß“ erwischen. Wie kann ich es schaffen, mich möglichst schnell wieder zu erinnern, an die Sicht von über dem Schlachtfeld? Ich glaube, dass das nichts mit irgendeiner Form von Anstrengung zu tun hat, sondern nur damit, innerlich still zu werden. Meine Haltung ist dann „Ich weiß nichts“ und „ich werde still, richte die Aufmerksamkeit nach innen und schaue dann noch einmal neu“. Das ist meine tägliche Kurspraxis.

3 Gedanken zu „Keiner ist besser – keiner ist schlechter!“

  1. Lieber Tom, das hast du sehr anschaulich, ehrlich und nachvollziehbar beschrieben. Es wird so deutlich, dass der Ärger und die Angst in den Traumfiguren Tom und Nazis die Befindlichkeiten des Träumers sind, die er über die Traumfiguren im Traum ausagiert. Es ist so ein anderer, aber so befreiender Fokus, sich nicht mehr als individuelle Person allem gegenüber zu sehen, sondern die gesamte Welt im eigenen Träumer-Geist zu finden. Plötzlich bin alles ich und ich kann keine Schuld mehr verschieben. Dann kann ich verstehen, dass mein Träumer-Geist diesen Weltentraum machte, um sich darin im Angst- und Schuldkreislauf zu verlieren. Tritt er nun davon zurück, ist Verständnis und innerer Frieden die Folge und letztlich das Erwachen in der traumlosen Wahrheit.
    Sehr berührt haben mich auch deine letzten Sätze, dass diese Umkehr in der stillen Innenschau geschieht… in Bereitschaft und liebevoller Geduld.

    1. Ja, liebe Katja, die Antwort des HG ist immer leise und liebevoll. Das Ego dagegen ist immer schnell, laut und aufgeregt, entweder in der Angst, der Wut, oder auch in der Euphorie. 🙂

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