Meine „Schlafmeditation“

In „Ein Kurs in Wundern“ gibt es keine konkrete Praxis der Meditation. Allerdings sind viele Lektionen so beschrieben, dass sie in einem meditationsähnlichen Zustand gemacht werden sollen, in einer Art stiller Innenschau. Ich habe für mich eine Meditation entwickelt, die ich „Schlafmeditation“ nenne und die mir die Aussagen des Kapitels „Die unveränderliche Wohnstatt“ (T-29.V.1,2) sehr lebendig nahe bringt.

So heißt es da: „Es ist ein Ort in dir, in dem die ganze Welt vergessen ist, an dem keine Erinnerung an Sünde und an Illusion immer noch verweilt“ (T-29.V.1:1).

Ich lege mich nun also auf die Couch (wie für ein Mittagsschläfchen) und „beobachte“ mit geschlossenen Augen. Dabei versuche ich nur das wahrzunehmen, was tatsächlich gegeben ist – also alles, was ich höre, rieche, schmecke oder spüre. Da sind also z.B. bestimmte Geräusche und körperliche Empfindungen, die ich aber möglichst nicht einem Körper zuordne. Denn ich versuche, meinen Körper nicht zu visualisieren. Es ist erstaunlich, wie eingefleischt es ist, selbst mit geschlossenen Augen ein geistiges Bild von seinem Körper zu visualisieren, also sich vorzustellen, wie der Körper auf der Couch liegt. Tue ich das nicht, sind da einfach verschiedene Empfindungen, die ich aber gar nicht benenne oder einordne.

In meiner Erfahrung schwächt sich dadurch die sonst sehr starke Identifikation mit dem Körper ab. Wenn ich tief in mich hineinhorche und – spüre, werde ich immer mehr zu dem bloßen geistigen Raum, der alle Wahrnehmungen beinhaltet, auch die Geräusche, die ich im vermeintlichen „Außen“ wahrnehme. Ich bin dieser geistige Raum (den man auch „formlose, geistige Präsenz“ nennen könnte) und ich enthalte alle möglichen Geräusche, Gerüche und Empfindungen, die ich normalerweise als körperliche oder als äußere Wahrnehmungen bezeichnen würde. Aber alles erscheint gleichrangig in mir. Da ist nichts, was mehr ich selbst ist. Oder weniger ich selbst.

„Es ist ein Ort in dir, den die Zeit verlassen hat und wo der Widerhall der Ewigkeit zu hören ist“ (T-29.V.1:2).

Dieser geistige Raum, diese formlose Präsenz, ist absolut zeitlos und jenseits jeder Zeit. In ihm, also in mir, scheinen sich Erinnerungen und Vorstellungen auf bestimmte Weise zu ordnen, so dass der Eindruck einer linearen Zeit entsteht, mit Vergangenem (was bloße Erinnerung ist) und Zukünftigem (was bloße Vorstellung ist). Doch all dies ist immer nur in diesem Raum, der dem allumfassenden und ewigen JETZT entspricht. Es ist der nicht-körperliche Beobachter, der alle Wahrnehmungen und Gedanken einfach nur still bezeugt. Bezeugt, birgt, und auch hervorbringt. Hier entsteht buchstäblich die Welt und hierin verschwindet sie. In mir selbst, aus mir selbst, von mir selbst. Es entspricht auch dem „Ich Bin“ von Nisargadatta Maharaj.

„Des HIMMELS Unveränderlichkeit ist in dir, so tief im Innern, dass alle Dinge dieser Welt einfach nur unbemerkt und ungesehen vorübergehen“ (T-29.V.2:3).

Je mehr ich mich mit diesem geistigen Raum identifiziere, je mehr ich mich als dieser Raum erkenne, desto leichter und bedeutungsloser werden die Dinge, die da vorüberziehen. Kann mich etwas angreifen, bedrohen oder verletzen dort draußen? Nein, denn es ist nicht dort draußen. Gibt es irgendeine Schuld dort draußen? Nein, denn es gibt kein draußen. Wenn die Trennung zwischen außen und innen verschwindet, gibt es keine Vorstellung mehr von Tätern und Opfern.

Während meiner Meditation versuche ich nicht, mich wachzuhalten. Einschlafen ist erlaubt, ich lasse es zu. Und gerade in dem Dämmerzustand zwischen Wachsein und Schlaf, wenn die Konturen der Wahrnehmungen langsam verblassen, erkenne ich, wie flüchtig diese Welt ist und wie wenig beängstigend es ist, wenn sie verschwindet. Denn sie verschwindet nur in mir selbst. Was dann „übrigbleibt“ ist jener „Ort, an dem die ganze Welt vergessen ist“. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes in mich selbst versunken.

„Die stille Unendlichkeit des Friedens ohne Ende umgibt dich sanft mit ihrer zärtlichen Umarmung, die so stark und ruhig und so friedlich ist in ihres SCHÖPFERS Macht, dass nichts den heiligen SOHN GOTTES in dir stören kann“ (T-29.V.2:4).

Ja, dieser Raum bzw. Ort in mir ist vollkommen still, friedlich, unverletzlich und ewig. Jede Angst schmilzt hier wie eine Schneeflocke im August. Welche Bedeutung hat hier noch der Tod? Keine, denn es gibt keinen Tod. Es gibt nur ein Ende des Träumens, ein Erwachen zu mir selbst und zu GOTT, was letztendlich dasselbe ist.

Ich erlebe das derzeit als eine unheimlich intensive und lebendige Erfahrung. Die Herausforderung ist, diese Erfahrung zunehmend auch im Alltag mit offenen Augen zu machen.

11 Gedanken zu „Meine „Schlafmeditation““

  1. Danke für das beschreiben des unbeschreibbaren, lieber Tom.
    Wir haben uns schon mal ganz kurz über diesen zustand ausgetauscht. Vlt erinnerst du dich?
    Mein beschreiben ist: Es findet ALLES ohne MICH statt.
    Liebe grüsse, Doris

    1. Ich erinnere mich nur vage, liebe Doris. Eigenartig – ich empfinde es so: es findet ALLES in MIR selbst statt, ICH BIN all dies. Wenn all dies – also die Welt der Formen – nichts mit mir zu tun hätte, warum und wie sollte ich dann Verantwortung dafür übernehmen? Dieses „ich“ ist natürlich nicht meine Person 🙂

      1. Ja, das ist so. Ich verstehe.
        Wenn ich mit den worten, Es findet alles ohne mich statt, beschreibe fehlt das bewertende ego-wahrnehmen. Soweit dies möglich ist. Und obwohl dieser zustand vom ich wegweist und eine verschiebung der wahrnehmung stattfindet, weiss ich zu jeder zeit, dass ich als person das bin.
        Andere zustände wo die person als gänzlich wahrnehmender wegbricht, beschreiben sich als entrückung. Geschieht jedoch vieeeeeel seltener und kann nicht herbeigeführt werden. Bei deinem beschrieb, es findet ‚alles in mir selbst statt‘ bis du der dahinführende.
        Uff…du lieber, ich kann nicht so gut denken und beschreiben wie du.
        Weisst wie ichs sagen will und was es für mich bedeutet?

        1. Liebe Doris, es ist immer schwierig, wirklich genau zu verstehen, was der andere meint, wahrnimmt und fühlt. In dieser meiner Erfahrung bricht die Person nicht weg, sie rückt nur vom Zentrum in die Peripherie, man ist nicht mehr ego-zentrisch. Alles, was ich für meine Person, inklusive Psyche und Körper, halte, nehme ich weiter wahr, so wie ich auch alles andere weiter wahrnehme. Aber das Ich, das dies wahrnimmt, sehe ich nicht, weil es eben formloser Geist ist, oder anders gesagt: der Träumer. In solch einem Moment mag man denken, man existiere nicht, da sei niemand, kein Ich. Aber in dem Moment, wo das Ich hier verschwindet, dehnt es sich aus, wird zum endlosen Raum, der alles beinhaltet. Das ist ein derart subtil-unauffälliger Vorgang, dass man ihn fast übersehen könnte. Ich nenne es direkte Wahrnehmung, ganz anders als die Ego-Wahrnehmung. In dieser Wahrnehmung machen Urteile und Schuldzuweisungen absolut keinen Sinn mehr, sie geschehen nicht mehr. Aber wie du selbst weißt – der Geist hört doch immer wieder auf das Ego, verengt sich und identifiziert sich mit diesem einen Körper und fällt zwangsläufig seine Urteile, will Recht haben und gerne leiden……

          1. Vielen herzlichen dank für deine weiterführenden worte lieber Tom.
            Ich bleib ‚dran‘ und beobachte absichtslos weiter. Da geht noch mehr….😊

            Herzlich grüsse, Doris

          2. Ja, mach das…. es ist ja auch immer schwierig, eigene Erfahrungen in Worte zu packen und anderen mitzuteilen. Gerade wenn es um so subtile Dinge geht…. 🙂 Nur wir selbst können wissen, was es für uns bedeutet und wie es sich wirklich anfühlt….

  2. Hallo Lieber Tom,

    Danke für deine klare nachvollziehbare Beschreibung deiner Erfahrungen.

    Diese Art von Meditation hat sich auch zu einen Bestandteil meines Lebens entwickelt.

    Ja, die Herausforderung besteht darin – diese Haltung – in den Alltag mitzunehmen und zu integrieren – es sozusagen mit offenen Augen zu praktizieren.

    Das KURS Synonym dazu und eine Vertiefung – ist für mich die Schau – die mir gelegentlich dann gelingt – nachdem ich einen Bruder vollkommen vergeben habe.

    Diese Schau bleibt dann eine geraume Zeit bei mir – bis mich das Ego wieder in die Angst zieht – mir diese Angst bewusst wird – sie angesehen und loslgelassen wird.

    Dies ist ein sich wiederholender, rekursiver Prozess – dabei werden immer mehr Ego Schichten – wie bei einer Zwiebel – abgeschält-bis der wahre Kern – das Selbst – immer mehr zum Vorschein kommt.

    Letztendlich können wir so immer länger und tiefer und auch immer unabhängiger davon, was im “äusseren“ zu geschehen scheint – im Frieden verweilen.

    GLG Wolfgang

    1. Genauso ist es, lieber Wolfgang! Zumindest erlebe ich es auch so. Ein Prozess mit kleinen Schritten vorwärts und auch rückwärts. Manchmal sind die Schritte auch größer :-). Ich sehe es auch so, dass das Kurs-Synonym dazu die Vergebung ist, die ja keine Vergebung im üblichen Sinne ist, sondern eine Rücknahme von Projektionen auf den anderen. Habe ich meine Projektionen auf den anderen zurückgenommen, ist er kein anderer mehr – er ist nun in mir, er ist, was ich auch bin. Der Kurs-Weg ist eher psychologisch, meine Meditation ein direktes Wahrnehmen – im Wesen und im Ziel sind sie für mich das gleiche. Mir hilft aber diese Art des Wahrnehmens und Meditierens sehr. 🙂

  3. Lieber Tom, danke für deine sehr anschauliche und berührende Beschreibung.
    Ich versenke mich auf ähnliches Weise oftmals und bade in einer von aller Welt und dem Körpersein unberührten friedvollen Präsenz.
    Sich an diese friedvolle Präsenz immer mehr auch im Alltag zu erinnern, mir ihrer im weltlichen Tun gewahr zu sein, ist auch mein tägliches Üben. Dabei beobachte ich, dass es mir schon hilft, wenn ich nur denke, dass sie immer parallel da ist, selbst wenn ich sie gerade nicht spüre. So bahnen wir ihr durch unsere meditativen Momente und unsere Absichten für den Alltag immer mehr den Weg an die Oberfläche.

    Durch dich angeregt, beobachte ich ebenso, wie schwer es ist, mit geschlossenen Augen nicht dennoch ständig von meiner körperlichen Form auszugehen. Doch hin und wieder öffnet sich dann etwas und plötzlich gibt es kurze Momente, wo an manchen Stellen die körperliche Begrenzung nicht mehr wahrnehmbar ist und dass fühlt sich nach Weite und Freiheit an.
    🙂

    1. Ja, liebe Katja, diese Präsenz ist immer da, auch wenn wir sie im Alltag so oft zu vergessen scheinen. Lass uns darin baden! 🙂 Das für mich wiedermal Paradoxe daran ist, dass ich diese Präsenz, diesen bewussten Raum, so empfinde, dass sie alles umfasst und beinhaltet. Es gibt nichts außerhalb von ihr, und ohne sie (also mich) gäbe es keine Welt der Formen. Und gleichzeitig ist diese Präsenz vollkommen verschieden von der Welt, eben weil sie formlos ist. Und daher kann sie auch nicht von irgendwelchen Formen berührt, bedroht oder verletzt werden.

      Vielleicht sollte man noch sagen, dass dieser Raum nicht wirklich IN mir selbst ist, denn das könnte man so missverstehen, dass er im Körper ist. Der Körper ist IN diesem Raum, also in mir. Es geht darum, sich nicht mehr mit dem Körper (und der „Psyche“) zu identifizieren, sondern sich als diesen Raum, diese Präsenz, zu erkennen. Allerdings sagt uns der Kurs, dass es in dieser Welt fast nicht möglich ist, nicht mit dem Körper identifiziert zu sein, und das kennen wir ja nur zu gut. Daher müssen wir geduldig und sanft mit uns selbst sein. Und vor allem auch ehrlich. Und gerade habe ich den Gedanken, dass ich diese Identifizierung mit dem Körper nicht krampfhaft lösen muss, sondern auch als Phänomen innerhalb dieses Raumes sehen kann. Und schon verliert sie an Kraft und Bedeutung….

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