Es gibt keine anderen – nur mich

Im Herz von verschiedenen spirituellen Lehren steht die zunächst befremdliche Aussage, dass es keine anderen gibt, sondern dass die vermeintlich anderen lediglich die eigenen Projektionen sind. So heißt es, es gebe keine separaten Ichs, sondern nur ein nicht-persönliches, geistiges Ich. Und jeder kann das von sich sagen. Aber wenn es doch nur ein Ich gibt, und ich selbst das bin, es also keine anderen gibt – wer oder was ist dann „jeder“? Wie kann diese Paradoxie aufgelöst werden?

Nun – die Paradoxie kann, wenn überhaupt, nicht über den logischen Verstand, sondern nur über die Erfahrung aufgelöst werden. Ich bin der Träumer der von mir wahrgenommenen Welt. Meine eigene Person ist ebenso von mir geträumt wie alle anderen auch. Alles sind bloße Traumfiguren, auch wenn ich mit der einen – dem „Held des Traums“ – identifiziert bin.

Und das heißt auch, ich bin der einzige Träumer dieser Welt, niemand sonst träumt diese Welt. Wer auch sollte sie träumen? Die anderen sind ja bloß meine Traumfiguren, sie existieren nicht jenseits meines Traumes. Wenn ich den Traum beende, ist die Welt verschwunden, als wäre sie nie gewesen.

Dennoch, und jetzt wird es wieder paradox, glaube ich, dass ich das auch jedem anderen zugestehen kann. Aber „jeder andere“ ist nicht die Traumfigur, die Person, die ich in meinem Traum wahrnehme. Nicht Tom träumt diese Welt, und ebensowenig tun das Katja, Wolfgang, Doris oder wer auch immer. Also gestehe ich es im Grunde nicht den anderen Personen zu, sondern dem Geist, der „hinter“ den Personen steht, und der natürlich auch „Ich“ empfindet und deshalb kein anderes Ich ist als ich.

Aber auch wenn ich das zugestehe, ist es besser, wenn ich mich nicht weiter damit aufhalte, denn sonst mache ich doch klammheimlich wieder die Vorstellung von „anderen“ wahr. Ich bleibe besser ganz bei mir, immer nur bei mir. Nur ich träume diese Welt, nur ich lerne den Kurs, nur ich muss erwachen. Ich muss niemanden überzeugen, missionieren, belehren oder retten. Also blende ich die Vorstellung von anderen völlig aus und bleibe auf meinem Weg.

Ist das egoistisch oder unempathisch? Im Gegenteil, denn es schließt die vermeintlich anderen ja nicht aus, sondern mit ein. Selbst die, die manchmal so schwer zu ertragen scheinen und die meine größte Herausforderung sind. Ich muss sie nicht bekämpfen, ihnen ausweichen oder sie therapieren. Ich muss ihnen nur vergeben, dass ich sie für „andere“ hielt. Das bedeutet natürlich, dass ich es letztlich nur mir selbst vergebe.

Und so macht die Rede von „Jeder kann sagen: es gibt nur mich“ auf einer bestimmten Ebene zwar Sinn, aber letztlich ist sie wie jedes Konzept nicht wahr. Wie die Wahrheit/Wirklichkeit letztlich ist, wird nie in Worten oder Gedanken darstellbar sein. Aber sie kann und muss erfahren werden, einfach nur durch ihr So-Sein. Durch mein So-Sein.

Und daher ist es auf dem (distanzlosen) Weg dorthin besser, wenn ich ganz bei mir selbst bleibe und den Kurs (oder eine andere Lehre) nur für mich selbst praktiziere. Das schließt natürlich nicht den Austausch mit den scheinbaren anderen aus, aber die Erlösung und das Erwachen liegen allein in mir.

Egal, welche Symbole oder Vorstellungen (Jesus, Heiliger Geist, Ich Bin, Brahman, Parabrahman) ich dafür nutze – sie sind immer nur in mir selbst.

2 Gedanken zu „Es gibt keine anderen – nur mich“

  1. Ja, Tom, so sehe ich das auch. man hört häufig in verschiedenen lehren, man solle sich nur um die Realisierung der Wahrheit bemühen und nicht darum, wie man anderen helfen können. Denn wir werden unweigerlich versuchen, dem Ego des anderen zu helfen, wie ich es wahrnehme aufgrund meiner eigenen Vorstellungen und wie ich es daher für den anderen „mache“.

    Das ist das Einfühlungsvermögen, wie das Ego es versteht und das dazu führt, diese Ebene wiederum für wahr und real zu halten. Wir werden immer dazu angehalten, darüber hinaus zu schauen und die eigentliche Realität des „anderen“ zu sehen, die nicht anders ist als meine auch. In diesem Sehen erkenne ich schließlich, was ich selbst bin. Weshalb der Kurs den anderen als meinen Erlöser bezeichnet. Das ist wahres Einfühlungsvermögen.

    LG von Thomas2

    1. Ja, lieber Thomas, so sehe ich das auch. Vielen Dank für deine Anmerkungen! Die Sache mit dem falschen Einfühlungsvermögen des Ego ist nochmal ein ganz eigenes Thema…… 🙂

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