Die Wirkliche Welt – ein vergessener Traum

Der Begriff „Erleuchtung“ spielt in „Ein Kurs in Wundern“ keine große Rolle, er kommt nur selten vor. Dafür gibt es das Konzept der „wirklichen Welt“. Die wirkliche Welt ist eine Art Grenzland zwischen der illusionären Welt der Dualität und dem Himmel.

In ihr erkennen wir, dass die Welt unser eigener Traum ist und dass in ihr keinerlei Schuld liegt, weder in anderen Menschen noch in Dingen und Situationen. Wir sehen die Welt dann vollkommen mit den Augen des „Heiligen Geistes“, also mit den Augen der Liebe. Wir haben ihr im tiefsten Sinne vergeben und erkennen, dass wir selbst frei von Schuld sind. Die wirkliche Welt ist immer noch eine Illusion, eben ein Traum, aber da sie in Liebe wahrgenommen wird, ist sie eine Widerspiegelung der wahren Wirklichkeit des Himmels.

Wie lange sie dauert, darüber macht der Kurs nur vereinzelte Andeutungen. Es scheint aber, dass sie nur einen Augenblick lang dauert, ein sehr kurzer Übergang vom Traum der Welt in die Wirklichkeit des Himmels. Völlig ohne Ego entfällt die Grundlage für die Welt, sie wird überflüssig und entschwindet, als wäre sie nie gewesen. Wie ein vergessener Traum.

Dennoch kommt immer wieder die Frage auf, wie die wirkliche Welt denn nun aussieht. Wird sie grundlegend anders sein? Wird es darin keine Krankheiten, Konflikte und Kriege mehr geben? Wird alles geheilt und erlöst sein? Davon abgesehen, dass sich die Fragen eigentlich schon erledigen, wenn man bedenkt, dass die wirkliche Welt vermutlich nur einen Augenblick dauern wird, ist der Kurs unmissverständlich darin, dass immer nur der Geist geheilt werden kann, nicht der Körper und nicht die Welt. In gewisser Weise wird sie auch erlöst, und zwar von ihrem unheiligen Zweck, uns die Wirklichkeit der Trennung (von Gott/Himmel/Einssein) zu beweisen. Aber all das spielt sich dennoch nur in unserem Geist ab. Es gibt keine Welt, das ist die grundlegende Aussage des Kurses.

Nun mag man sich fragen, ob man vielleicht erst eine geheilte Welt sehen muss, bevor man die wirkliche Welt wahrnimmt. Schließlich deutet auch der Kurs an, dass den Alpträumen des Ego erst glückliche Träume folgen müssen, bis man die wirkliche Welt sieht. Sieht man also irgendwann keine Kriege, Konflikte und Krankheiten mehr, oder nimmt man sie dann einfach nicht mehr als solche wahr? Ändern sich die Formen da draußen in der Welt oder nur unser Blick darauf? Auch diesen Fragen liegt jedoch eine grundsätzliche Fehlannahme zugrunde.

Das Problem liegt darin, dass wir permanent und unterschwellig von einer objektiv existierenden Welt mit einer konkreten Anzahl von Menschen und einer bestimmten Anzahl von Kriegen (und allen möglichen anderen Konflikten) ausgehen. Das ist aber keineswegs so. Diese Welt ist mein/unser Traum, sagt uns der Kurs, und wenn ich das wirklich ernst nehme, heißt das, dass sie immer nur gerade so groß ist, wie sie gerade wahrgenommen wird. Im Moment ist sie gerade so groß wie eben mein Zimmer, in dem ich als Körper zu sitzen scheine und das ich wahrnehme. Heißt das, dass es da draußen gar keine Kriege gibt? Nein, es heißt nur, dass es gar kein „draußen“ gibt. Das ist der Knackpunkt! In meinem Geist ist unterbewusst immer noch die Idee von Trennung und damit auch von Krieg, Krankheit und Konflikt. Und deshalb begegne ich dem immer wieder – scheinbar da draußen (wozu auch mein Körper gehört). Erst wenn mein Geist völlig in Frieden ist, werde ich nichts mehr davon wahrnehmen. Aber nicht, weil es da „draußen“ verschwunden wäre oder sich zum Frieden gewandelt hätte, sondern weil in mir „drinnen“, also im Geist, vollkommener Frieden ist. Vielleicht sehe ich mich dann wie jetzt in meinem Zimmer sitzen, mit einem scheinbar alten Körper, aber ohne Schmerzen, und ich werde gar kein Bedürfnis mehr danach haben, da „draußen“ in der Welt nach „Beweisen“ zu suchen, dass die Trennung geschehen und Tod wirklich ist. Mein Körper, meine Person, meine Gedanken, sehe ich als ebenso von mir geträumt an wie alle anderen Körper und Dinge. Ich erkenne mich als der Träumer und bin nur noch bloßer Beobachter. Ich bin kein Körper, sondern Geist, und niemals war ich etwas anderes.

8 Gedanken zu „Die Wirkliche Welt – ein vergessener Traum“

  1. Lieber Tom,

    „Dennoch kommt immer wieder die Frage auf, wie die wirkliche Welt denn nun aussieht. Wird sie grundlegend anders sein? Wird es darin keine Krankheiten, Konflikte und Kriege mehr geben? Wird alles geheilt und erlöst sein? “

    So wie ich das verstehe, ist die wirkliche Welt diejenige, bei der meine Wahrnehmung der Welt von der Wahrheit des Selbst durchdrungen ist.
    Es ist kaum anzunehmen, dass dies dazu führt, dass ich nun eine Welt der Konfliktlosigkeit sehe, in der es keine Kriege mehr gibt sondern nur noch schöne Blumen und vor Glück strahlende Gesichter. Aber die Bedeutungslosigkeit einer konflikthaften Welt wird mir offensichtlich sein, denn wenn meine Wahrnehmung der Welt auf dem Hintergrund der Wahrheit kontrastiert, wird es keinen Zweifel mehr darüber geben, dass es eine Welt der Unwahrheit ist.
    Wahrheit und Liebe wollen sich ausdehnen und deshalb bleibt der Wunsch nach Heilung der Welt als einzige Reaktion auf die Welt übrig.
    Dies ist genau die Sichtweise des HG, der ebenfalls als Erkenner der Wahrheit nur sieht, was geheilt werden muss.
    Was also diese Veränderung mit sich bringt ist eine andere Wahrnehmung der Welt, die ansonsten fortfahren wird, die Welt zu sein, die sie immer schon war. Eine Fehlschöpfung wird nicht zerstört, aber sie wird vor dem Urteil der Wahrheit als solche in Frieden entlassen.
    Die wirkliche Welt ist also die gleiche Welt, doch wird sie so gesehen, wie sie wirklich ist, nämlich als Kontrast zur Wahrheit. Vielleicht führt das sogar dazu, dass die Wahrheit durch diesen Kontrast umso strahlender deutlich wird. Aber das ist nur so eine Idee von mir um zu vermeiden, dass all dies Leid völlig sinnlos war.

    Viele Grüße von Thomas

    1. Lieber Thomas,

      ich kann deine Gedanken gut nachvollziehen, sie sind meiner Meinung nach absolut kurskonform. Mir ging es vor allem darum, dass wenn wir von der „Wahrnehmung der Welt“ sprechen, dem immer unser gewohntes Verständnis von Wahrnehmung zugrundeliegt – nämlich dort draußen ist eine Welt, die ich hier innen im Geist wahrnehme. Aber so ist es ja nicht, denn Wahrnehmung ist in Wahrheit Projektion, eine Idee, die ihre Quelle nicht verlässt. Wahrnehmung ist also so wie Träumen, weder innen noch außen. Und wenn man sich das klarmacht, erscheint das Thema vielleicht nochmal in einem anderen Licht.

      beste Grüße,

      Tom

  2. Die wirkliche Welt ist für mich die Erkenntnis, dass alles, was ich im Traum als Gewalt, Hass und Konflikt definiere, ein Ruf nach Liebe ist. Wie gesagt, ich definiere das so. Je größer die scheinbare Gewalttat, desto mehr wird der Ruf zum Schrei nach Liebe. Macht das einen Unterschied, dies so zu sehen? Sehe ich nicht immer noch, wie einer dem anderen ein Messer in den Bauch stößt? Der Unterschied ist fundamental. Ich sehe tatsächlich etwas völlig anderes.
    Wie lange die wirkliche Welt existiert, ob sie gar verschwindet ist für mich nicht wirklich interessant, weil ich die Antwort darauf im Traum eh nicht bekommen werde. Hinter dieser Frage steckt die Angst des Ego vor der eigenen Bedeutungslosigkeit und sein Wunsch, das irgendwie kontrollieren zu können. Die Antwort werde ich erfahren, als Geschenk Gottes, wenn ich die kleine Bereitwilligkeit aufbringe. Oder eben auch nicht.

  3. Lieber Micha,

    ja, der Ruf nach Liebe scheint oft zum Schrei nach Liebe zu werden. Vielleicht werden wir die Antwort auf die Frage, wie lange die „Wirkliche Welt“ existieren wird, nicht in diesem Traum erfahren. Allerdings sagt der Kurs, dass wir am Ende der wirklichen Welt noch einmal kurz zurückblicken auf die Welt, die dann entschwindet. Wie wörtlich das zu verstehen ist, weiß ich nicht. Aber ehrlich gesagt glaube ich eher, dass das Ego Angst hat, dass diese Welt als verblassender Traum erkannt wird. Selbst die wirkliche Welt ist laut Kurs immer noch eine Illusion. Das aber will das Ego nicht wahrhaben. Es möchte die Illusion möglichst real aussehen lassen und möglichst lange aufrechterhalten. Die Antwort werden wir erfahren…. 🙂

  4. Lieber Tom,
    nach meinem Verständnis ist die wirkliche Welt nur dann zu erkennen, wenn eine konstante Verbindung ohne Angst zur geistigen Wirklichkeit existiert. Ich sehe dann eben den Ruf nach Liebe statt Hass und Gewalt. Insofern glaube ich kaum, dass das Ego irgendetwas mit der wirklichen Welt zu tun haben kann, geschweige denn will. Deshalb glaube ich auch nicht, dass es versucht innerhalb der wirklichen Welt noch etwas zu manipulieren. Aber vielleicht irre ich mich da.

    1. Stimmt, Micha, innerhalb der Wirklichen Welt ist kein Platz mehr fürs Ego. Und eben deswegen sabotiert es jetzt schon die Vorstellung, dass die Wirkliche Welt der Übergang in den Himmel ist. Es malt sich die Wirkliche Welt lieber als Fortbestand der jetzigen Welt aus, nur schöner, mit einem Erleuchteten, der darin noch möglichst lange glücklich wandelt. So meinte ich es ;-).

      1. Lieber Tom.
        Jetzt verstehe ich. Ja, das klingt sehr nach Ego. Ist ja auch ein soo schönes Bild, der perfekte Traum von einer Vereinigung des Traumes mit der Wirklichkeit.

        1. Ja, genau, Micha! Allerdings hat das Ganze noch einen weiteren Aspekt;-). Wenn wir uns auf die Aussage des Kurses einlassen, dass die Wahrheit/der HIMMEL jenseits dieser Welt liegt, können wir damit beginnen, weniger Hoffnung in diese Welt zu investieren. Auch wenn wir diese Aussagen zunächst nur glauben können, können wir immer mehr intuitiv erahnen, dass sie wahr sind. Ansonsten werden wir doch immer wieder davon träumen, den Himmel auf Erden erleben zu können, das heißt den Himmel zu Ego-Bedingungen. Das ist ein langsamer und subtiler Prozess, der nicht forciert werden sollte. Es geht ja nicht darum, die Welt zu fliehen oder sie als schlecht zu verurteilen.

          Liebe Grüße,

          Tom

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