Volle Verantwortung

„Verantwortung“ ist ein fast allgegenwärtiges Wort. Manche verkünden, Verantwortung zu übernehmen, manche fordern es von anderen, und wieder andere übernehmen sie einfach. Oft wird Verantwortung mit Schuld gleichgesetzt. Aber was heißt es, im spirituellen Sinne, Verantwortung zu übernehmen?

Die Welt, die ich wahrnehme, ist mein Traum, sagt mir der Kurs in Wundern. Ich bin der Träumer dieser Welt. Nicht ich als Person, sondern ich als unpersönlicher Geist. Als solcher projiziere ich auch eine Figur – den Held des Traums – in die Traumwelt und identifiziere mich damit. Wenn ich „ich“ sage, meine ich zumeist ihn, diesen geträumten Körper. Aus dieser Perspektive muss ich mich immer wieder schuldig machen und muss ich anderen Schuld zuweisen. So komme ich aus der Nummer nicht heraus.

Zwar gibt es auf dieser zwischenmenschlichen Ebene auch Vergebung, aber sie laut Kurs eine „falsche Vergebung“, denn es ist keine wahre Vergebung, wenn ich den vermeintlichen Sünder weiterhin für die Ursache der Tat halte. Ich mache ihn verantwortlich, also weise ich ihm die Schuld zu. Wenn ich aber wirklich innerlich zurücktrete und auf diese Welt schaue als mein Traum, meine Projektion, dann wird mir vollständig klar, dass es nirgendwo eine Ursache außerhalb meines Geistes gibt. Mein Geist ist Ursache, die Welt ist meine Wirkung. Damit übernehme ich die volle Verantwortung, ohne dass mich jemals jemand zur Verantwortung ziehen könnte. Da ist kein anderer, der das tun könnte.

Aber wenn ich voll verantwortlich bin, heißt das nicht, dass ich an irgendetwas schuldig bin, denn jetzt gibt es keine Schuld mehr, keine Täter und keine Opfer. Das einzige Opfer war ich selbst, denn laut Kurs ist das Geheimnis der Erlösung, dass ich mir alles selbst antue. Das Konzept von Täter und Opfer ist dualistisch, aber Verantwortung in diesem universellen Sinne ist non-dualistisch, denn sie hat kein Gegenteil. Verantwortung übernehmen heißt, seine Projektionen zurückzunehmen.

Wie kann ich das leben, wenn ich es schließlich verstanden und verwirklicht habe? Nur in aller Stille. Es ist im Grunde nicht kommunizierbar. Wenn ich mit anderen darüber spreche, wird es paradox, denn die vermeintlich anderen sind meine eigene Projektion. Und wenn jemand dies anders sieht oder kritisiert, bin ich es selbst, der es kritisiert. Wenn es jemand missversteht, ist es mein eigenes Missverstehen. Und wenn ich darüber streite, bin ich aus dem Verständnis gefallen und wieder voll in der Dualität meiner vermeintlichen Person gefangen. Bleibe ich aber in dieser inneren Stille, werde ich vom Träumer zum Beobachter meiner Welt, für die ich jetzt nur noch Liebe und Mitgefühl empfinden kann.

4 Gedanken zu „Volle Verantwortung“

  1. Sehr schön klar beschrieben, lieber Tom.
    Und wie du oft sagst, ist paradoxerweise aus weltlicher Sicht jeder das Ich, aus dessen Perspektive du schreibst, obwohl es nur ein Ich gibt. 🙂

    Ich habe noch etwas über den letzten Satz sinniert, bei dem für mich die Wendung zu Liebe und Mitgefühl für die Welt irgendwie zu schnell kam. Ich konnte diese logische Folge nicht sofort spüren. Ich merkte, für mich ist noch der Zwischenschritt wichtig, zu erkennen, warum ich die Welt laut Kurs projizier(t)e, nämlich dass ich durch den Beobachter die Welt als Abbild meiner eigenen Angst vor Gott/der wahren Liebe erkenne. So entsteht Liebe und Mitgefühl für mich selbst als scheinbar total verängstigter, projizierender Geist. Darüber erkenne ich mich dann in allem Personen selbst wieder in dieser Angst und kann ihnen über meine scheinbare Person verantwortlich auch in Liebe und Mitgefühl begegnen.
    Ich sehe, es ist alles mein Schleier der Trennung, mit dem ich die unveränderte Wahrheit verdeckte, dass es nie wirklich eine Trennung und Welt gab und die wahre Liebe/Gott/mein wahres Sein nie gestört wurden.
    Es ist einzig mein Irrtum. Und dann ist es schließlich auch meine Verantwortung als unpersönlicher Geist ganz bereit zu werden, dass das Bild/der Traum von einer Welt ganz verschwindet im nur “Gott ist”.

    1. Liebe Katja, danke für deine Ergänzungen! In meiner Erfahrung kann die Wendung zu Liebe und Mitgefühl tatsächlich sehr schnell kommen. Sie kommt sehr schnell und ganz einfach. Aber das erscheint erst so, wenn sie geschehen ist. Vor dieser Wendung (vor dem Perspektivwechsel von Person zu Geist, von unbewusstem Träumer zu bewusstem Beobachter) erscheint das Hindernis berghoch, und da ich das dann glaubte, ist es für mich dann auch so. In dieser plötzlichen Wendung ist gar kein Platz für Warum-Fragen, also warum ich eigentlich diese Welt projiziere. Ich glaube zwar auch theoretisch, dass es so ist, wie du bzw. der Kurs es beschreibt, aber in der tatsächlichen Erfahrung spielt es gar keine Rolle mehr. Zumindest in meiner Erfahrung, die ich kenne. Aber vielleicht gibt es auch diese Zwischenschritte als Erfahrung, klar. Ob und wann dann schließlich mein Bild von einer Welt im „Gott ist“ verschwindet, weiß ich nicht wirklich. Ich lasse mich einfach überraschen :-).

  2. Liebe Tom, oh ja, da stimme ich dir voll zu, denn es ist auch meine Erfahrung: der Wechsel der Perspektive, der Wechsel von Angst zur Liebe kann sehr schnell kommen und ist an sich ganz leicht.
    Einzig mein mitunter sehr subtiles und doch noch am Ego Festhalten verhindert ihn.

    Ich meinte, dass für mich ganz persönlich in deiner Beschreibung die Wendung zu schnell kam. Irgendwie fehlte mir wohl das Betrachten des Ego als meine unbändige (wenn auch unbegründete) Angst vor Gott in ihren vielen Facetten, die die Welt minimieren soll und doch am Laufen hält, um überhaupt zu verstehen, warum ich eine Welt projiziere. Das mag individuell verschieden sein und es war ja auch nicht das Thema und der Schwerpunkt deines Textes. Dir ging es um das Thema Verantwortung und das hast du wirklich sehr anschaulich und gut nachvollziehbar dargelegt. Wenn ich deinen Text lese, spüre ich deutlich in mir ein Abstandnehmen von dem Person-Sein und der Verwicklung in der Welt, ein inneres Zurücktreten, eine andere Perspektive im Sinne einer Großübersicht. Und ich erkenne mich als den verantwortlichen Verursacher von allem und kann nicht mehr von meiner Person auf ein andere als die Schuldige zeigen. Das ist sehr eindrücklich.

    Danke und liebe Grüße 🙂

    1. Ja, es ist klar, dass das, was eigentlich letztlich so einfach ist, allein durch das unbedingte Festhalten am Ego behindert wird. Dieses Ego in all seinen Facetten und Ausprägungen muss ich schönungslos anschauen. Dafür gibt es unterschiedliche Ansätze und Schwerpunkte. Die ändern sich auch bei mir immer wieder mal. Vielleicht muss das so sein :-).

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