EUER JA SEI EIN JA, EUER NEIN EIN NEIN – Jesus‘ Aufruf zur Wahrhaftigkeit

Ausnahmsweise zitiere ich mal eine Bibelstelle, die – soweit ich weiß – nicht im Kurs in Wundern erwähnt wird. Ich verstehe sie so, dass wir ehrlich sein sollen. In erster Linie gegenüber uns selbst, und dadurch natürlich auch gegenüber anderen. Hintergrund ist, dass mich ein Freund in den letzten Wochen mehrfach heftig beschimpft und beleidigt hat. Aus meiner Sicht habe ich ihm dafür keinen Anlass gegeben.

Aus meiner Sicht verdrängt und projiziert er, auch wenn er das natürlich anders sieht. Beim ersten Mal habe ich noch verständnisvoll reagiert, jetzt aber habe ich ihm die Freundschaft gekündigt. Ich war sein einziger Freund, der einzige, der sich überhaupt um ihn kümmerte. Ich habe ihn ermutigt und dabei geholfen, nach langem Burnout wieder zur Arbeit zu gehen. Seine Beleidigungen haben mich gekränkt, es tut weh. Als Kursschüler sollte ich – wie ich selbst vor kurzem schrieb – nicht fragen, was ich tun soll, sondern zunächst mit dem Heiligen Geist in mir bzw. aus ihm heraus auf die Situation schauen. Das möchte ich gern, ich weiß auch, dass es besser für mich wäre, aber in diesem Moment gelingt es mir (noch) nicht. Ich sage „nein“ zu der Freundschaft, denn ich will ehrlich mir selbst gegenüber sein. Mein „Nein“ ist ein „Nein“, denn das ist es, was ich fühle. Ich will mir ehrlich anschauen, wie mein Ego mich gekränkt fühlen und leiden lässt. Da muss ich durch und ich werde auch durchkommen, indem ich meine Kursarbeit mache. Und doch glaube ich, dass es im Moment auch für ihn besser ist, ihm ein „Nein“ zu sagen. Das „Nein“ richtet sich nicht gegen ihn als Mensch, als geistiges Wesen, als das, was ich selbst bin. Es richtet sich gegen sein aggresives Verhalten, seine Verdrängung und Projektion. Wenn ich dazu „Ja“ sage, dann sage ich auch „Ja“ zur Verdrängung und Verleugnung in mir selbst, was ich nicht will. Letztlich spiegelt er ja nur mich selbst. Ich sage also „Ja“ dazu, dass ich Verdrängung und Verleugnung sehe, ich sage aber „Nein“ zur Verdrängung und Verleugnung, denn ich will das nicht länger. Und dann kann ich irgendwann auch wirklich ein „Ja“ zu mir und allen anderen sagen. Vergebung heißt laut Kurs Projektionen zurückzunehmen, es heißt nicht, die Projektion als solche gutzuheißen.

10 Gedanken zu „EUER JA SEI EIN JA, EUER NEIN EIN NEIN – Jesus‘ Aufruf zur Wahrhaftigkeit“

  1. Lieber Tom… ich sehe das so. Ich spinne diese Geschichte nun mal weiter, als sei es meine eigene.
    Ich sehe meine Projektion im anderen. Erschreckend und ihr gewiss nicht zustimmend.
    Aber in der Stille „sehe“ ich meine unterschwelligen Aggressionen oder Schuldgefühle widergespiegelt. Meine.
    Ich habe sie, weil ich Schuld nicht will, auf die Projektionsfläche Welt „geworfen“, wie auf eine Leinwand. Jetzt sehe ich sie deutlich. Aber ich erkenne sie nicht als meine eigene Schuld.
    Jetzt habe ich einen Feind, den ich dafür verantwortlich mache/n kann.
    Ah!der Schlimme!!! DU tust mir unrecht Du bist der Böse.
    Der Angriff ist längst im Gange.
    Und ich benutze als Rechtfertigung: sein! Benehmen ist wirklich kränkend! Aber sowas von!
    Und ich hole mir sogar Zustimmung und klage bei anderen….
    SO…
    läuft es oft ab.
    Und ich stehe mit einem Gesicht der Unschuld daneben.
    Scheinbar reingewaschen und in Unschuld .
    Den „Bruder“, der mich erlösen könnte, wenn ich ihn als DAS sehe, WAS er in Wirklichkeit IST….
    ein Feind nun!?
    Er soll sich schämen und Abbitte leisten, und sich ändern….
    dann kann er wieder mein Freund werden.
    SO oder ähnlich argumentiert das Ego.
    Ich als es/meines, wenn ich nicht achtsam genug bin.
    Ich bin in die Falle gegangen, der Versuchung erlegen.
    Aber langjähriges Kursstudium hat mir den Kontakt mit dem HL.GEIST gebracht.
    Und ich suche Kontakt mit IHM.
    Die Angelegenheit bleibt unverändert, aber: es schmerzt nicht mehr! Ich spüre keine Kränkung, denn das Urteil über den Freund habe ich IHM überlassen.
    Und ich bin im „Reinen“.

    1. Liebe Elfriede, vielen Dank für deine Antwort! Ja, so ist das Ego mit seinen Projektionen und so funktioniert Vergebung. Ich weiß es und habe es so auch erlebt, und dennoch hat es mich wieder erwischt. Ich arbeite daran. Und gleichzeitig denke ich dennoch, dass ich nicht jede Freundschaft aufrechterhalten muss, der Form nach. Es kann eine gute Lektion sein, sich auf dieser Ebene zu trennen.

  2. Lieber Tom, du kennst meine geschichte mit meinem suchtkranken sohn. Vielleicht ist sie hilfreich für dich. Ich musste mich gegen ihn entscheiden, auf der traumebene. Aus achtung mir selber gegenüber hab ich mich von ihm räumlich getrennt und sehr bewusst das schmerzfeld, welches mich gefangen hielt, verlassen. Das dürfen wir, das sollen wir. Von diesem tag an habe ich mein denken über ihn dem heilen geist gegeben. Ich hab ihn nie mehr als krank und bedürftig, als gewalttätig oder sonstwie neben der spur wahrgenommen. Mein satz für ihn war ausnahmslos: Du bist reiner geist, licht und liebe, alles ist vergeben und erlöst.
    Bei angriffen von ihm die mich nach wie vor verletzten hab ich diesen schmerz zu mir genommen, mich bedankt dafür, dass er sich zeigt und ihm gesagt dass ich ihn liebe. Er hat sich sehr rasch aufgelöst.
    Meinem sohn geht es gut, er ist aus eigenem entschluss in eine therapie, er lebt noch betreut, ist drogenfrei und beginnt eine berufslehre. Ich hab ihn kürzlich nach einem jahr pause wieder gesehen. Wir haben uns umarmt und geweint.
    Alles liebe dir!

  3. Lieber Tom,

    ich glaube, es nützt uns nichts, wenn wir verleugnen, dass unserer Großmut Grenzen gesetzt sind.
    Wir sollten den Kurs nicht dahingehend auslegen, dass wir schmerzhafte Situationen auszustehen haben, komme was da wolle.
    Wenn es stimmt, dass das Wertvollste, was wir erreichen können, innerer Friede ist, dann kommen wir schwerlich um die Frage herum, ob es nicht besser ist, eine dauerhaft schmerzliche Situation lieber zu verlassen, wenn wir können.

    Die Verlockung, den anderen, von dem wir fühlen, dass er/sie die Quelle des Schmerzes ist, aus Mitgefühl nicht verstoßen zu wollen, ist auch bei mir ein Dauerproblem. Aber man muss sich diese Haltung eben auch leisten können – andernfalls erhebt sich die Frage, warum ich mich selbst eigentlich so gering schätze, dass lieber ich leide als der andere.

    Hilfe für andere ist nur möglich, wenn ich selbst klar und friedlich bin. Weil nur die Liebe hilft und heilt und sie nicht im Schmerz zu finden ist.

    Ich habe einen Dalai Lama Kalender und kürzlich stand da:
    „Solange wir nicht eine gewisse innere Stärke erlangt haben, ist der Umgang mit Menschen, die uns schaden, reine Zeitverschwendung.“
    Das klingt hart, aber ich glaube, es ist wahr. Denn für niemanden liegt irgendein Nutzen im Schmerz. Außer dem, dass man ihn nicht mehr will und daher seine Wege ändert.

    Ob das Bibelwort das bedeutet, was du annimmst, weiß ich nicht genau. Möglicherweise bezieht es sich überhaupt nicht auf Situationen des Ego-Lebens sondern fordert zu klarer Unterscheidung zwischen Himmel und Hölle auf. Denn all diese Fragen, soll ich dies tun oder das, sage ich dazu Ja oder Nein, sind eigentlich keine wirklichen Fragen sondern Scheinfragen, die bedeutungsvoll erscheinen, es aber nicht sind.
    Sie erwecken den Anschein, dass von ihrer richtigen Beantwortung etwas abhängt – aber alles Bedeutsame ist bereits entschieden. Die Antwort ist daher immer gleich: Überlass es Gott. ER wird sagen, dass es bedeutungslos ist.

    LG Thomas

    1. Lieber Thomas,

      vielen Dank für deine Worte! Sie bestätigen und unterstützen mich in meiner Entscheidung. Du sagst: „… erhebt sich die Frage, warum ich mich selbst eigentlich so gering schätze, dass lieber ich leide als der andere“. Das ist ein sehr wichtiger Punkt! Wenn ich die Beleidigungen einfach weiter ertrage, ist niemandem geholfen, auch ihm nicht. Es wäre Schein-Vergebung, das zu tolerieren. Wahre Vergebung kann nur aus völligem Frieden heraus geschehen. Dahin müssen wir kommen, nur dann können wir wahrhaft und ehrlich vergeben. Diese innere Arbeit (was eher ein Erinnern als eine Arbeit ist) muss man für sich selbst verrichten, unabhängig vom anderen. Wenn ich selbst in den inneren Frieden komme – ja, dann wirkt es sich möglicherweise auch auf ihn aus, auf seinen Geist. Denn sein Geist ist in Wirklichkeit mein Geist. Was das für sein Verhalten bedeutet – keine Ahnung, das lässt sich nicht voraussagen, darum geht es auch gar nicht. Letztlich ist all dies meine eigene Geschichte, mein Traum, meine Projektion. Ich weiß das schon lange, aber diese Erkenntnis muss wieder tief in mich hinabsinken. Sie steigt immer wieder an die Oberfläche der Wahrnehmungswelt und wird dort korrumpiert und sabotiert, und zwar von mir selbst, meinem Ego. Das Ego bekommt dann Auftrieb und lässt mich leiden. Da hilft nur anschauen, bewusst machen, erinnern. Das tue ich gerade :-).

      Liebe Grüße,

      Tom

  4. Lieber Tom,

    „Wenn ich die Beleidigungen einfach weiter ertrage, ist niemandem geholfen, auch ihm nicht. Es wäre Schein-Vergebung, das zu tolerieren. Wahre Vergebung kann nur aus völligem Frieden heraus geschehen. Dahin müssen wir kommen, nur dann können wir wahrhaft und ehrlich vergeben.“

    Andererseits ist Vergebung das, was uns Frieden bringen soll. Zuerst ist da die Bereitschaft zu vergeben und die Bereitschaft, die Ursache für ein Problem bei mir selbst zu sehen und es nicht zu projizieren.
    Aber wenn man die Bereitschaft dazu hat und das wirklich tun will, erfährt man um ersten Mal, wie mächtig der Druck ist, zu projizieren. Immer wieder beleidigt zu werden kann einen so starken Druck ereugen, dass man zunächst einmal aufgeben muss und das wird oft heißen, die belastende Situation zu verlassen.
    Man hat dann zwar dem „Willen des Ego“ nachgegeben, das immer fordert, das Problem zu umgehen und durch Angriff von sich selbst fernzuhalten, aber was solls? Meister fallen nicht vom Himmel, sie entstehen durch zähe Entschlossenheit, es immer wieder zu versuchen und auf Dauer kann der Erfolg nicht ausbleiben.

    Ich glaube, es ist sehr sehr wichtig, diese „Niederlagen“ gleichmütig hinnehmen zu lernen und sich keinen Marathon zuzumuten, der nur wieder eine Form von „es unbedingt jetzt wollen“ wäre – einen Erfolg für sich verbuchen zu wollen. Vergebung sollte nach meiner Meinung leicht und natürlich sein. Ein freudiges Loslassen einer Belastung für den anderen und mich und kein Kraftakt. Wenn etwas noch nicht aufgegeben werden kann, dann ist es noch zu schwer. Kleinere Erfolge haben auch einen großen Wert, weil sie aufzeigen, dass das Prinzip an sich richtig ist.

    Ich glaube, wenn ich inneren Frieden wirklich erlangt habe, dauerhaft erlangt habe, ist Vergebung überhaupt kein Thema mehr, weil sie ja nur notwendig ist, wenn der Frieden gestört wird.
    Friede schließt mit ein, dass ich mich vollkommen sicher fühle. Dann kann es auch nichts mehr geben, was ich zu vergeben hätte.

    Soweit meine Gedanken dazu….

    Herzliche Grüße

    Thomas

    1. Lieber Thomas, ja – wir müssen und sollten uns nicht überfordern. Kleine Schritte sind auch wichtig und richtig. Sehe ich ganz genauso. Das mit der Vergebung und dem Frieden ist so eine Sache. Muss man erst in Frieden sein, um wahrhaft vergeben zu können, oder bringt uns nur die Vergebung den Frieden? Vielleicht sind das ja nur Scheinfragen. Vielleicht sind Frieden und Vergebung im Grunde nicht zweierlei und stehen gar nicht in einem Ursache-Wirkungs-Verhältnis ;-).

      Liebe Grüße,

      Tom

  5. Lieber Tom,

    sieh es dochmal so:

    Du hast die Beleidigungen und Beschimpfungen deines Freundes persönlich genommen. Dies war gar nicht nötig!

    Aus meiner Erfahrung heraus, ist mit jeder Beleidigung und Beschimpfung die jemand ausspricht niemals der Andere gemeint. Wer beschimpft und beleidigt, meint immer nur sich selbst. Die eigene Unzufriedenheit, die fehlende eigene Wertschätzung wird auf Andere projiziert.

    Auch im Kurs steht, dass so wie ich über den Anderen denke, so denke ich in Wahrheit über mich selbst.

    Die Beleidigungen deines Freundes sind nur ein Ruf nach Liebe und zwar für sich selbst. Wenn du sein einziger Freund bist, dann braucht er dich gerade jetzt am meisten.

    Liebe Grüße

    Yvonne

    1. Liebe Yvonne,
      danke für deine Antwort auf diesen schon länger zurückliegenden Beitrag! Was du sagst, stimmt vollkommen. Es ist aber eine Sache, etwas theoretisch zu wissen und eine andere, es zu leben. Und daher brauchte es in diesem speziellen Fall eine gewisse Zeit, bis ich meinen Ärger und meine Enttäuschung überwunden hatte. Inzwischen kann ich es auch so sehen und fühle mich nicht mehr angegriffen. Ob er mich jetzt braucht, weiß ich nicht. Vielleicht braucht er es auch, zu verstehen, dass er mit dieser Art schon immer alle Freunde und Beziehungen zerstört hat. Es kann eine gute Lektion für ihn sein. Aber ich kann das letztlich nicht beurteilen. Ich verhalte mich ganz normal und auch freundlich, habe aber keinen Impuls, die Freundschaft wiederzubeleben. Wir werden sehen. Man muss auch trotz Vergebung nicht alle Beziehungen in der Form aufrechterhalten. Es kommt nur drauf an, wie ich im Geiste dazu stehe.

      Liebe Grüße!

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