NUR BEOBACHTEN – GANZ EINFACH, ODER?

In vielen spirituellen Lehren ist immer wieder vom „Beobachten“ die Rede. So heißt es, wir sollen in den „Beobachter“ gehen, oder in den sogenannten „Zeugen“ bzw. das „Zeugen-Bewusstsein“. Das klingt zunächst sehr einfach, aber wie genau geht das? Ich möchte das gern anhand eines wunderbaren Textes von Katja Bode erläutern:

„Wehre nichts ab,
was in dir hochkommt“

Beim Einfach-nur-beobachten versuche ich zunächst, in eine entspannte, ruhige Körperhaltung zu gehen. Ob das der klassische Yoga-Sitz ist oder irgendeine andere Position, ist ganz egal. Es sollte aber nicht unbequem und anstrengend sein, weil das die Achtsamkeit stören würde. Man kann sich auch einfach hinlegen, sollte aber darauf achten, dass man dabei nicht dazu neigt einzuschlafen. Und dann lasse ich einfach alles zu, ich gehe ohne Absicht in das Beobachten, ich wehre nichts ab, ich erwarte nichts, ich will nichts herbeiführen. Ich versuche, unbeteiligt am „Spielfeldrand“ zu stehen und einfach nur zu registrieren, was da passiert, was da hochkommt: Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen. Alles darf da sein.

„Sieh auch deinen Widerstand,
der darin besteht,
bestimmte Gedanken und Gefühle
nicht voll zuzulassen,
sie weghaben, verdrängen und verändern zu wollen
und sie gerade dadurch nährt und erhält“

Manchmal ist der Widerstand so groß, dass ich mich gar nicht hinsetzen mag, um zu beobachten. Allerdings kommt dieser Widerstand – der natürlich vom Ego kommt – sehr subtil und verschleiert daher, zum Beispiel in Form von Gedanken, die mir sagen, ich hätte doch eigentlich gar keine Zeit, ich müsste/sollte/wollte doch etwas ganz anderes tun, irgendetwas Banales: den Geschirrspüler ausräumen, die Fingernägel schneiden, einen Zeitungsartikel lesen usw…. Aber wenn ich dann doch still bin und nur beobachte, kommen mir alle möglichen Dinge in den Sinn. Manches ist mit Angst besetzt, manches mit Scham, manches mit Ärger. Manchmal scheint man in negativen Gedanken zu versinken, aber es ist wie mit dem Treibsand – je mehr man zappelt und sich wehrt, desto schneller versinkt man darin. So widersinnig es klingt, aber der Widerstand gegen das Negative nährt und erhält es, denn Widerstand ist selbst negativ.

„Schaue dir wirklich alle Gedanken, Gefühlen und Geschichten,
ruhig und still bis zu Ende an.
Mache nichts damit.
Gerade auf diese Weise entmachtest du sie“

Das klingt so klar und einfach, aber die (Ego-)Versuchung ist derart groß und mächtig, etwas verändern zu wollen. Schließlich will man doch das Negative beobachten, um es wegzukommen! Warum sollte man es sonst beobachten? Doch nicht nur zum Spaß! Aber das ist genau das vertrackt-paradoxe daran. Oder kann man tatsächlich mit voller Absicht absichtslos sein? Offenbar schon, aber es ist eine Gratwanderung. Zen-Schüler kennen dieses Dilemma. Sie setzen sich zum Zazen, um letztlich Erleuchtung (Satori) zu erlangen, wissen aber, wenn sie es anstreben, verhindern sie es eben dadurch.

„Es gibt nichts zu tun
und zu fürchten
– nur bewusst alles zu sehen“

Die Motivation für das Einfach-nur-beobachten sollte nicht der Wille sein, etwas zu tun. Wenn ich mit dieser Grundhaltung rangehe, geht es schief. Hilfreich ist für mich, wenn ich mit einer Haltung der spielerischen Neugier herangehe. Ich will mich nicht verändern, aber ich will mich besser kennenlernen.

„Es ist nur dein dunkler Ego-Glaube,
der dich bestimmt
und ans Licht kommt.
Wie gut,
dass er so deutlich sichtbar wird.

Denn ganz gleich,
wie furchtbar er sich anfühlt,
einzig im Licht verliert er
alle Bedrohlichkeit und entschwindet.

Jede Ecke in deinem Geist,
die du im Dunkeln halten willst,
enthältst du dem Licht der Auflösung vor“

Wir unterschätzen alle die Macht des Einfach-nur-beobachten, denn wir sind so sehr davon geprägt, etwas tun zu müssen. Packen wir’s an, wir sind schließlich Macher-Typen! Möglicherweise funktioniert das, wenn man ein Haus bauen will, aber für Selbsterkenntnis und Heilung funktioniert es nicht. Mit negativen Gedanken und Gefühlen kann man nichts tun, jedes Tun verstärkt sie wie gesagt nur. Widerstand bedeutet Dunkelheit, Beobachten bedeutet Licht. Und dieses Licht der bewussten Aufmerksamkeit lässt die negativen Gedanken und Gefühle anders erscheinen. Sie verlieren an Bedeutung und an Wirklichkeit. Es ist wie mit dem Seil, das man in der Dunkelheit für eine Schlange hält, die einen ängstigt. Im Licht betrachtet ist es einfach nur ein Seil.

„Gehe mit deinem Licht durch alle Dunkelheit und Schwärze in dir.
Sei gewiss und ruhig,
deine Bereitschaft zum Zulassen und Loslassen wird eintreten“

Und dafür braucht es Geduld und Zuversicht. Die dürfen wir haben, denn wir können im Einfach-nur-beobachten nichts falsch machen, außer die sichere Erlösung weiter hinauszuschieben. „Nur grenzenlose Geduld zeitigt sofortige Ergebnisse“ – heißt es im Kurs in Wundern, und was zunächst paradox erscheint, leuchtet bei näherer Betrachtung ein. Geduldig zu sein, heißt keinen Widerstand zu leisten.

„Was dann bleibt, ist,
was der Ego-Glaube verdeckte:
Gottes vollkommener Friede“

Und Gottes vollkommener Friede ist exakt das, was wir wirklich sind. Beim Einfach-nur-beobachten geht es nicht nur darum, das unbefleckte Licht der Aufmerksamkeit auf negative Gedanken und Gefühle zu richten und ihre Bedeutungslosigkeit und Unwirklichkeit zu erkennen. Es geht auch und vielleicht sogar vor allem darum zu erkennen, dass wir selbst dieses unbefleckte Licht sind. Dieses Licht ist reiner Geist, Gott, wie immer wir es nennen mögen. Und es ist gleichbedeutend mit Frieden und Liebe.

4 Gedanken zu „NUR BEOBACHTEN – GANZ EINFACH, ODER?“

  1. Lieber Tom, ich freue mich, dass dich mein Text so inspiriert hat. Und es ist sehr spannend für mich, einfach nur zu beobachten 😉 , was ein anderer mit dem eigenen Text und allem, was ich damit verbinde, für sich entdeckt und wie er es versteht und interpretiert. 🙂 Ich finde es sehr berührend, wie unsere beiden Texte hier ineinandergehen und erlebe es als eine sehr schöne Bereicherung. Vielen Dank dafür.

    Mich hat etwas verwundert, dass dir für das Beobachten eine entspannte Körperhaltung eine so wichtige Voraussetzung ist. Ja, ich nehme mir auch immer wieder auf diese Weise Zeit dafür, aber das Beobachten ist für mich eigentlich eine rein geistige Haltung, die nichts mit meinem Körperzustand zu tun hat und die für mich ein ständiger Prozess auch mitten im Alltag ist, z. B. in einem Gespräch und während aller sonstiger Handlungen, oft sogar in sehr unangenehmen emotionalen und körperlichen Situationen, teilweise gerade dann …
    Zum Einüben und Kennenlernen des Beobachtens oder aber um manches in seiner ganzen Tiefe zu erkunden, ist aber sicherlich eine entspannte körperliche Situation hilfreich. 🙂

    Sehr schön, was du zum Widerstand schreibst. Und alles absolut richtig. Mir stand beim Entstehen des Textes ein Aspekt des Widerstandes besonders deutlich vor Augen: dass ich die Ego-Gefühle nicht voll fühlen will aus Angst, dass sie so schrecklich sind, dass ich sie nicht aushalte. Mit meinem Widerstand dagegen – dem Nicht-voll-zulassen – fühle ich mich dann zwar nicht ganz so miserabel, aber doch auch sehr dumpf und ich bin sehr anfällig, auf kleinste weitere „weltliche Störungen“ recht massiv negativ zu reagieren. Gebe ich aber diesen Widerstand auf und lasse meine Ego-Gefühle in der inneren Betrachtung voll hochkommen, ohne mich an bei ihnen einzuhaken, sondern sie nur zu sehen, kommt tatsächlich oft erst einmal ein ganzer furchtbarer Rattenschwanz hinterher, aber er ist in Kürze verrauscht und ich finde mich in einem Frieden wieder, den ich nicht für möglich hielt. Aber es ist, wie du sagst, eine Gratwanderung, wirklich dabei einfach nur präsent zu sein und nicht ins Ego hineinzugehen.
    Es ist so erstaunlich für mich wirklich gefühlt zu entdecken, wie wir so sehr dem Ego hingegeben sind und zugleich so eine Angst vor seinem ganzen Ausmaß haben… Es scheint wie ein Hassliebe zu sein. Doch das GANZE Ausmaß des Ego müssen wir uns bewusst machen, eben überall das Licht hinbringen, um es wirklich zu entmachten. Es lohnt sich so sehr. 🙂

    Ich danke dir nochmals sehr für deine Gedanken und Ausführungen.

    1. Liebe Katja, die Körperhaltung ist natürlich keine unbedingte Voraussetzung für das Beobachten. Aber es ist – wie du auch sagst – eine gute Möglichkeit, das Beobachten erstmal zu üben und ein Gefühl dafür zu bekommen. Je mehr einem das in „Fleisch und Blut“ übergeht, desto leichter fällt es auch in Alltagssituationen, in denen ich keine besondere Körperhaltung einnehmen kann. Aber man sich jedesmal neu daran erinnern ;-).

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