MEIN WILLE GESCHEHE – oder doch nicht?

Vorgestern wurde ich operiert. Am Meniskus, der innen und außen gerissen war. Ich hatte keine Angst vor der OP, denn ich war schon mal vor fünf Jahren in derselben Sportklinik operiert worden, am anderen Knie. Die Leute dort wirken sehr kompetent, sehr entspannt und sehr freundlich. Ich liege also dort im Bett, mit schickem OP-Hemdchen und -Häubchen und spüre eine leichte Nervosität, aber auch eine entspannte Zuversicht. Und dann kommt auf einmal dieser Gedanke in mir hoch: „Ich bin kein Körper. Ich bin der Geist, der all dies hier träumt. Was immer bei oder nach der OP geschehen wird – es wird mein eigener, tiefster, innerer Wille sein! Selbst wenn der Traum hier enden sollte, wird es mein tiefster, innerer Wille sein“.

Was war das nun? Nur ein Placebo, nur eine bange Wunschvorstellung, um mich zu beruhigen, weil vielleicht tief in mir doch eine versteckte Angst lauerte? Ich glaube nicht, denn das war eine sehr lebendige Erkenntnis, oder besser gesagt: Erfahrung, die mit einer tiefen inneren Ruhe und Gelassenheit einherging. Es war nichts, was mir als bloßer Gedanke neu gewesen wäre, aber es hatte diesmal eine noch nicht gekannte Tiefe und Gewissheit.

Ich war überzeugt: Alles, was ich wahrnehme und erfahre, ist mein tiefster, innerer Wille. Selbst wenn ich bewusst geglaubt hätte, etwas anderes zu wollen als mir geschieht. Auch dieser scheinbare Zwiespalt auf der Oberfläche meines Bewusstseins wäre mein tiefster, innerer Wille gewesen. Unser Irrtum ist, dass wir glauben, Wille sei etwas bewusstes. Der Wille ist jedoch unbewusst, weil er jenseits des Bewusstseins gründet. Der „Entscheider“ in unserem Geist ist nicht innerhalb der Welt (die wiederum nur im Bewusstsein existiert). Aber wir haben den Zugang dazu verloren, denn unser tiefster, innerer Wille ist verborgen unter dem „Schleier des Vergessens“, am Grunde unseres Geistes. Alles, was wir scheinbar als Person bewusst wollen in dieser Welt, für oder gegen das wir uns zu entscheiden glauben, ist letztlich unser tiefster, innerer Wille. Und wenn dieser oberflächliche Wille im Gegensatz zu unserem unterbewussten, von Gefühlen und Prägungen gesteuerten, Willen steht und wir eine innere Zerrissenheit spüren, dann ist auch all dies und genau das unser tiefster, innerer Wille. So träumen wir es und so wollen wir es. Da wir diese unsere eigene Quelle aber vergessen haben, wähnen wir sie außerhalb von uns: in Gott, dem Schicksal, der Fügung, dem Zufall oder der Natur. Und dann versuchen wir uns in lauen Kompromissen, die niemals wirklich funktionieren können und sagen zum Beispiel: „Dein Wille geschehe!“ und unterwerfen uns dem Willen eines allmächtigen und außerhalb von uns stehenden Gottes, dessen Wege uns unergründlich erscheinen. Oder wir ergehen uns in einem lässigen Fatalismus, der doch nur ein ängstliches Pfeifen im Wald ist. Niemals, niemals können wir in wirklichen und dauerhaften Frieden kommen mit einer Welt, die nicht genauso unser eigener Wille ist!

Eigentlich leuchtet es ein: Wenn das Bewusstsein nur die Leinwand ist, auf der die illusionären Bilder der Welt ablaufen, die alle nur Wirkungen sind, dann ist klar, dass der Impuls für unsere Wahrnehmungen, also der Wille und damit die Ursache, jenseits der Leinwand ist. Alle unsere Entscheidungen sind also unbewusst und doch paradoxerweise frei, denn wer oder was sollte sie begrenzen? Alles ist meine Entscheidung, mein tiefster, innerer Wille – ob ich nun Kaffee oder Tee trinke, den Job oder Partner wechsle oder nicht, aber auch alles, was in dieser Welt zu geschehen scheint. Alles Unangenehme, Unfassbare, Grausame in dieser Welt, das meinem bewussten oberflächlichen Willen so sehr zu widersprechen scheint – auch das ist mein tiefster, innerer Wille.

Doch unter diesen tausenden von Entscheidungen gibt es nur eine einzige, die bedeutsam ist: die zwischen Angst und Liebe, zwischen Ego und Heiligem Geist. Die Entscheidung für die Liebe bzw. den Heiligen Geist offenbart mir, dass es keinen getrennten Willen gibt, dass unterschiedliche Willen Illusion sind. Das ist vollkommene Verantwortung und vollkommene Schuldlosigkeit. Ich als Person bin kein Opfer dieser Welt, ich bin nicht ahnungslos in sie hineingeworfen worden. Da war diese winzig kleine Wahnidee, wie es wohl wäre, von GOTT getrennt zu sein, und ich nahm sie ernst und vergaß, über sie zu lachen. Und das tue ich auch jetzt noch, in diesem Moment. Mein Wille, mich mit dem Ego, dem Grundprinzip von Trennung und Angriff zu identifizieren, ließ mich diese Welt erträumen, mich darin zersplittern und verlieren, als getrennter Körper. Erst wenn ich mich wieder wirklich für den Heiligen Geist entscheide, für das Prinzip der Liebe, der Einheit und des Friedens, und mich damit identifiziere, sehe ich mich nicht mehr als Opfer, das der Welt gegenübersteht. Dann bin ich nicht mehr in der Welt, sondern die Welt, die nur ein vergänglicher, bedeutungsloser Traum ist, ist in mir.

Und wenn ich mich schließlich endgültig für den Heiligen Geist entscheide, dann erkenne ich, dass ich mich gar nicht wirklich entscheiden musste und konnte, denn das Ego bzw. die Angst waren reine Illusion. Dann ist auch mein eigener Wille verschwunden, aufgegangen im WILLEN GOTTES, der mein WAHRER WILLE ist.

2 Gedanken zu „MEIN WILLE GESCHEHE – oder doch nicht?“

  1. Lieber Tom, puh, seeeehr konsequent und stimmig.
    Mir ist dabei wichtig, deutlich zu benennen, dass diese Welt aus meinem fehlgeleiteten EGOwillen entstanden ist und ich sie mir aus diesem antue. Mein wirklicher Wille aber ist der von Gottes Einheit, den ich eine zeitlang nur vergaß, aber den ich nie verloren habe und der mich ständig über den Heiligen Geist als ein Erinnerungsimpuls zurückruft. 🙂

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