Das Drehbuch ist geschrieben

In „Ein Kurs in Wundern“ heißt es: „Das Drehbuch ist geschrieben“. Dies wird häufig so verstanden, als wäre alles, was hier in der Welt zu geschehen scheint, vorbestimmt und in keinster Weise von uns zu ändern. Meiner Meinung nach ist die Idee des Drehbuchs jedoch nicht gleichbedeutend mit Vorbestimmung.

In der bekannten Stelle sagt Jesus im Kurs: „Das Drehbuch ist
geschrieben. Wann die Erfahrung eintreten wird, um dein Zweifeln zu beenden, das steht fest“ (Lektion 158.4:3-4). Das klingt tatsächlich so, als ob alles, was geschieht, vollkommen unabänderlich und vorherbestimmt ist, selbst unsere endgültige Entscheidung gegen das Ego und für die Liebe. Allerdings ist im Kurs auch mehrfach die Rede von „Drehbüchern“: „Deine dunklen Träume sind nur die sinnlosen und isolierten Drehbücher, die du im Schlafe schreibst“ (T-30.VII.6:15).

Das klingt wiederum so, als gäbe es verschiedene Drehbücher und als würden wir sie immer im Jetzt schreiben. Demnach wäre nichts vorherbestimmt, sondern immer jetzt ganz frei von uns entschieden. Diesen scheinbaren Widerspruch hat Kenneth Wapnick mit einem sehr interessanten Model aufgeklärt, das ich zu beschreiben versuche:

Lass uns davon ausgehen, dass – wie es im Kurs heißt – die Welt lang vorüber ist, da alle Zeit längst vergangen ist. In dem Moment, wo der SOHN (also das, was wir in Wahrheit sind) vergessen hat, über die Wahnidee der Trennung zu lachen, träumte/projizierte er eine Welt, die in einem einzigen nicht-linearen, zeitlosen Moment entstand und sofort wieder verging, denn die „Berichtigung“ durch den Heiligen Geist erfolgte sofort.

Diese Welt könnte man mit einem Videospiel vergleichen, das auf einem Computer gespeichert ist. Es ist nicht in einer konkreten, sondern in einer fast unendlichen Anzahl von möglichen Varianten vorhanden. Je nachdem, was man auf den Bildschirm (das Bewusstsein) holt, das erlebt man. Wir wählen also in jedem Moment eine beliebige Variante aus dem Pool aus, was wir eben gerade wollen oder nicht wollen.

Das gilt für alles: ob wir uns für Kaffee oder Tee entscheiden, für oder gegen einen bestimmten Job oder für die Angst oder für die Liebe. Immer jetzt entscheiden wir uns. Und das heißt: Nicht wir als Person, sondern wir als der Träumer-Geist bzw. der Entscheider. Daher ist auch alles, was jenseits und unabhängig von der Person zu geschehen scheint, die Entscheidung des Träumers. Ich träume all dies, weil ich es genauso träumen will.

Allerdings ist die einzig bedeutsame Entscheidung die für die Liebe. Die Entscheidungen für diese oder jene Dinge, Handlungen oder Worte sind größtenteils aus der unheiligen Allianz von (eingebildeter) Sünde, Schuld und Angst motiviert.

Sie ändern nichts, auch wenn wir sie normalerweise für sehr wichtig und bedeutsam in unserem Leben halten. Aber es kommt allein auf unseren Geisteszustand an. Wenn wir uns dann doch einmal für die Liebe (heißt: ohne Urteil und Angst auf die Situation schauen) entscheiden, dann werden daraus auch bestimmte Handlungen und Worte folgen. Höchstwahrscheinlich andere als wenn wir uns für die Angst entscheiden. Aber sie sind als solche ohne Bedeutung.

Darum lässt sich auch nicht von außen beurteilen, ob die Handlungen und Worte eines anderen aus der Liebe oder aus der Angst kommen. Klar, ein angstvolles oder ärgerliches Verhalten scheint auf die Entscheidung für die Angst (das Ego) zu deuten, aber sicher wissen wir es nicht. Wir sollten nur bei uns selbst ganz ehrlich hinschauen. Der einzige Gradmesser ist das Maß an innerem Frieden in unserem Geist.

Und was die „äußeren“ Entscheidungen angeht: sie sind nicht vorherbestimmt, sondern werden immer jetzt von uns frei getroffen (Willensfreiheit, nicht Handlungsfreiheit). Und dennoch – auch wenn es paradox klingt – ist alles, was wir jetzt frei zu entscheiden scheinen, bereits geschehen und vorüber. Eben weil es längst im Pool der fast unendlichen Varianten liegt.

Aus absoluter Sicht, also aus Sicht des HIMMELS, ist natürlich nie wirklich etwas geschehen. Selbst die Entscheidung zwischen Liebe und Angst hat nie stattgefunden, denn Angst existiert überhaupt nicht. Aber wir sollten uns hüten zu glauben, wir bräuchten uns deshalb gar nicht zwischen Liebe und Angst entscheiden.

Solange wir eine Welt wahrnehmen, glauben wir an die Welt und glauben daher zwangsläufig an die freie Wahl (egal was wir theoretisch glauben verstanden zu haben). Da müssen wir ansetzen. Die Vergebung ist nichts anderes als eine Berichtigung unseres Denkens und damit gleichbedeutend mit der Entscheidung für die Liebe/den Heiligen Geist. Letztlich ist auch sie eine Illusion, aber da sie die Illusion ist, die aus allen Illusionen herausführt, ist sie unsere einzig bedeutsame Aufgabe.

3 Gedanken zu „Das Drehbuch ist geschrieben“

  1. Lieber Tom, danke für deine für mich sehr stimmigen Ausführungen. Ich fasse es gern für mich so zusammen: Auf jede Drehbuchvariante, also in jeder Sekunde, kann ich weiter mit dem Ego reagieren oder nun mit dem Heiligen Geist. Beide Geisteszustände sind immer möglich und das ist meine einzig bedeutsame Wahl, wie du es auch schön herausgearbeitet hast. Dass je nach Reaktion aus der Angst oder aus dem Frieden dann im weiteren Verlauf des weltlichen Geschehens unterschiedliche weitere Varianten aufgehen, andere Handlungen vollzogen werden, ist klar. Denn reagiere ich zum Beispiel mit Wut, wird die Szene anders weitergehen als wenn ich mit Frieden reagiere. Doch auch dies ist dann wieder nur unter dem Blickwinkel zu betrachten: wie schaue ich nun wiederum auf die nächste sich auftuende Variante. Jederzeit besteht die Wahl, die Erlösung und das Erwachen.
    Wenn es nur Vorbestimmung im Sinne eines einzig möglichen Ablaufes gäbe, wäre das Wählen, zu dem uns der Kurs beständig aufruft, unnütz. Dann würde er sagen: „Schau einfach zu, es läuft eh ab, wie es abläuft.“ Er würde nicht sagen: „Wähle noch einmal!“
    Doch durch die Möglichkeit der Wahl in jedem Augenblick, zu der der Kurs uns aufruft, können wir uns sehr viel inneres Leiden ersparen und eben auch Zeit einsparen innerhalb des vermeintlichen Träumens. Das Aufwachen ist gewiss, das steht fest, da Gott nicht zerstört werden kann, doch wann wir aus zeitlicher Sicht an diese letzte Variante stoßen und wieviel wir auf dem Weg dahin noch leiden (innerlich, in der Welt wird es immer Szenen geben, die als Leid interpretiert werden können), das können wir entscheiden.
    Ich bin so dankbar zu wissen und zu erleben, dass ich immer den Frieden in mir wählen kann, ganz gleich welches weltliche Geschehen sich mir gerade zeigt. Somit wird mir jede, jede Variante zur Lernerfahrung und dienlich.

    1. Genau, liebe Katja, du hast sehr schön herausgearbeitet, was der Knackpunkt ist: das Einsparen von Zeit (in der wir leiden). Das Modell von Wapnick macht soviel Sinn, da es die verschiedenen Ebenen verbindet und so den scheinbaren Widerspruch zwischen einem bereits geschriebenen „Drehbuch“ und der freien Wahl auflöst.

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